Will ich wirklich den Neuaufbruch?

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Chefredakteurin Susanne Borée, Hintergrundbild von Erich Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Chefredakteurin Susanne Borée

Sind sie nicht schon geschmolzen – die guten Vorsätze, die wir wenige Minuten vor dem Jahreswechserl gefasst haben? Und die wir dieses Mal aber ganz bestimmt halten wollten? Sollte nicht alles anders – neu – werden, als der Jahreswechsel schon so heftig an die Tür klopfte?

Neu anfangen – wie uns die Jahreslosung verheißt – erscheint das nicht eine Verheißung zu sein? Einfach allen alten Ballast abwerfen. Doch leider können wir unsere Festplatten in unseren Gehirnen nicht so einfach formatieren.

Immer mal wieder denke ich – auch an dieser Stelle – darüber nach, wie Veränderung gelingen kann. Und ich frage mich: „Bin ich immer noch dieselbe wie vor Jahren? Meine Zellen haben sich sicherlich inzwischen längst ausgetauscht – vielleicht auch schon mehrfach. Was aber ist mit meinem Charakter“ – wörtlich den tief eingebrannten Schriftzeichen – im ursprünglich mals weichem Ton des Seelengrundes?

Wie gerne ich auch einige meiner schlechten Eigenschaften hinter mir lassen möchte – kommen sie nicht immer wieder ans Licht? Und wenn ich tatsächlich einmal anders reagiere als gewohnt – überfordere ich damit nicht meine ganze Umgebung? Will sie nicht eine Berechenbarkeit meiner Reaktionen?

Martin Luther fand vor 500 Jahren bereits ein einprägsames Bild: In der Taufe werde unser alter Adam ersäuft – und das täglich wieder. Auch wenn wir natürlich nur einmal getauft sind (was für den Reformator selbstverständlich war), entfaltet dieses Zusage Gottes aus unserer frühesten Kindheit täglich neue Gegenwart. Es will selbstzerstörerische Kräfte in uns in die Enge treiben. Und uns helfen zu neuen Ufern aufzubrechen.

Die Frage ist: Wie ernst ist es mir damit, dass nicht nur meine Zellen sich erneuern, sondern auch mein Denken, Fühlen und Handeln immer wieder neu unter Gottes Zuspruch gestellt wird? 

Taufe ist da kein nostalgischer Rückblick an ein hoffentlich gelungenes Familienfest. Gerade weil wir uns selbst nicht mehr an sie erinnern können, kommt sie uns nach. Sie flüstert uns leise aber hartnäckig zu: Du musst dich nicht selbst erfinden. Du darfst wachsen.  

Vielleicht beginnt wirkliche Veränderung genau so: Nicht im kurzfristigen oder im heroischen Vorsatz, endlich meine Möglichkeiten zu verwirklichen. Nein, im Vertrauen darauf, dass Gott mich immer wieder neu ins Leben ruft. Ich darf stolpern, aufstehen und weitergehen.