Kokosnüsse, Kanonen und Karten

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„Mammaluck“ auf einem Dromedar, Guldenmund-Druckblatt um 1530 (links). Jesus im Garten Gethesemane, Teil eines Flügelaltars von Hans Traut um 1485 (rechts). Beide Objekte aus der Ausstellung „Nürnberg global“ im Germanischen Nationalmuseum. Fotos: Borée
„Mammaluck“ auf einem Dromedar, Guldenmund-Druckblatt um 1530 (links). Jesus im Garten Gethesemane, Teil eines Flügelaltars von Hans Traut um 1485 (rechts). Beide Objekte aus der Ausstellung „Nürnberg global“ im Germanischen Nationalmuseum. Fotos: Borée

Ausstellung zeigt Nürnberg als Knotenpunkt der frühen Globalisierung

Energisch treibt er sein Dromedar an. Schließlich will der „Mammaluck“, ein Reiter der osmanischen Truppen, anno 1529 die Be­lagerung Wiens nicht verpassen  (linkes Bild). Auch Nürnberger Lands­knechte waren vor Ort. Als Kriegstrophäe brachten sie ein solches „Camel thier“ mit an die Pegnitz. Bei Hans Guldenmund konnten es alle für drei Pfennig besichtigen. Die Zeiten überdauert hat es als Druckblatt, dass Guldenmund ebenfalls verlegte.

Es illustriert die weitreichenden Beziehungen Nürnbergs zwischen 1300 und 1600. Eine Sonderausstellung im Germanischen Nationalmuseum (GNM) zeigt bis zum 22. März, wie eng die Stadt bereits im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit vernetzt war – nicht nur kriegerisch, sondern vor allem wirtschaftlich, kulturell und politisch. Dies vertieft die vorherige Schau „Vernetzte Welten“ an dieser epo­chalen Zeitenwende. 

Als internationales Handelszentrum wirkte Nürnberg jahrhundertelang als Umschlagplatz für Waren aus aller Welt. Filigran segelt die Miniaturnachbildung eines Handelsschiffes über jede festlich geschmückte Tafel. Es ist das Oberteil eines großvolumigen Pokals. Der Auftraggeber war nach neueren Forschungen der Nürnberger Handelsherr Wilhelm Schlüsselfelder († 1504). Solch ein prächtiger Schmuck auf einer Festtafel war eigentlich ein Privileg des Adels. Dass ein Kaufmann ein solches Werk in Auftrag gab, zeigt die neue Bedeutung städtischen Bürgertums am Anfang der Neuzeit. Zugleich dokumentiert es die Weltoffenheit und weitreichenden Verbindungen Nürnbergs zu den großen Hafenstädten.

Der Erfolg der wohlhabenden Reichsstadt im Herzen Europas gründete sich jedoch nicht allein auf kunstvolle Schmuckstücke: Auch eher düstere Geschäftszweige wie der Waffenhandel trugen zum Wohlstand bei. Nürnberg produzierte um 1500 Kanonen als Teil seiner metallverarbeitenden Industrie neben Harnischen, Schwertern und Armbrüsten.

Hans Hartung etwa erlangte Reichtum im böhmischen Bergbau. Er stiftete mit seiner Frau Katharina einen Flügelaltar von Hans Traut und seiner Werkstatt (um 1485/88) für die Kirche St. Katharina. Ein Teilstück (oben rechts) zeigt die Todesangst Jesu vor seiner Gefangennahme. Der helle Streifen am Horizont symbolisiert den Anbruch des neuen Tages und die Hoffnung auf Auferstehung – zugleich aber auf Überwindung der Erstarrung.

Kirchen und Herrscherhäuser in ganz Europa bestellten in Nürnberg Kunstwerke, Geräte und kostbare Objekte. Das zeigt die Bedeutung kirchlicher Institutionen im globalen Austausch. Religiöse Kunst war Teil globaler Netzwerke. Der Glaube diente als Motivation für Kunst, Handel und Wissen. 

Der globale Austausch beschränkte sich jedoch nicht auf den Warenverkehr. Nürnberger Kaufleute, Pilger, Diplomaten und Künstler reisten in alle Richtungen und machten die Stadt zu einer wichtigen Drehscheibe für Informationen. In Nürnberger Druckereien entstanden Flugblätter, die von den Entdeckungen der Europäer berichteten und Bilder von fremden Menschen, Tieren und Landschaften verbreiteten. Oder sie nahmen sich religiöser Inhalte und reformatorischer Ideen an.

Mit dem Behaim-Globus, dem ältesten erhaltenen Globus der Welt, wurde hier zudem ein Schlüsselwerk der frühen Welterfassung geschaffen. Er wusste noch nichts von den unentdeckten Küsten jenseits des Atlantiks. Dennoch sprengt er mittelalterliche Kartenwerke, die etwa Jerusalem als Zentrum der Welt darstellten und geographische Vorstellung eng mit religiösen Konzepten verknüpften. 

Die Ausstellung zeigt weiter, wie stark globale Rohstoffe in die lokale Kunstproduktion einflossen. Kokosnüsse oder Straußeneier gelangten an die Pegnitz und wurden von Goldschmieden zu aufwendigen Pokalen und Schaustücken verarbeitet. Umgekehrt zog die Stadt Künstler aus ganz Europa an, die hier ihre Fähigkeiten erweiterten und das erworbene Wissen weitertrugen. 

Der kulturelle Austausch reichte dabei weit über den Kontinent hinaus: Motive Albrecht Dürers fanden Eingang in die indische Buchmalerei, und sein berühmtes Nashorn erscheint bis heute auf einem Wandbild in Kolumbien.

Daneben spart die Ausstellung die dunklen Seiten der frühen Globalisierung nicht aus. Nürnberger Handelshäuser waren am transatlantischen Versklavungshandel beteiligt und profitierten von der Kolonisierung Amerikas. An der Ostküste Afrikas und in Indien setzten sie gemeinsam mit portugiesischen Partnern gewaltsam ihre Handelsinteressen durch.

Viele europäische Leihgaben veranschaulichen diese komplexen Verflechtungen. Sie alle besitzen einen direkten Bezug zu Nürnberg und zeigen, wie tief die Stadt in vormoderne globale Beziehungen eingebunden war – mit allen kulturellen Errungenschaften und moralischen Widersprüchen.