Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern: Nicht alles schlucken, sondern vieles auch neu schmecken
Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt.
Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.
Hes 2,1–3 + 3,1–3
Hesekiel wird als Prophet berufen. Dazu soll er eine Schriftrolle essen. Das ist doch eine Zumutung! Noch einmal mehr! Denn es ist ja schon kein Leichtes, Leuten zu sagen, dass sie sich verändern sollen. Und dann noch Papyrus essen!
Hesekiel lebt im Exil, die Heimat Jerusalem ist schon lange weit weg. Er soll den Leuten sagen, dass sie an ihrem Glauben an Gott festhalten sollen. Und dass es dazu keinen Tempel braucht. Gott geht doch mit, egal, wo seine Kinder sind.
Er soll sich die Schriftrolle einverleiben, also Gottes Wort, die Bibel. Wenn wir es im übertragenen Sinne verstehen: ganz verinnerlichen soll er sie. Wir sagen ja auch: den Roman habe ich verschlungen. Wenn wir ganz drin sind in einer anderen Welt. Und so soll Hesekiel mit der Bibel verwoben sein. Nicht nur oberflächlich, sondern persönlich durchdrungen. Damit er ganz authentisch davon redet, was an Gott das Faszinierende ist. Und warum die Israeliten weiter auf ihn vertrauen können.
Als Hesekiel die Schriftrolle isst, schmeckt sie süß wie Honig. Ein Wunder? Aus der Zumutung wird etwas Gutes.
Manchmal erleben wir das auch. Nicht immer, leider. Aber eben manchmal.
So wie der frühere Gärtner des Friedhofs meiner Kirchengemeinde. Er hatte ein schweres Leben gehabt. Er hatte Autos repariert und verkauft, dafür ein eigenes Geschäft angemeldet. Seine Frau führte das Büro, sie hatte den Überblick. Dann starb sie. Bald nach ihrem Tod musste Insolvenz angemeldet werden. Eine doppelte Zumutung, die Frau verloren und das Geschäft! Eine traurige Zeit.
Er suchte sich die Arbeit auf dem Friedhof. Mit der Zeit lernte er die Leute kennen, die regelmäßig zu den Gräbern kamen. Auch eine verwitwete Frau, die das Grab ihres Mannes oft besuchte. Einmal sprachen sie und stellten fest, dass sie zum gleichen Fest eines Vereins eingeladen waren. Sie fuhren zusammen hin. Und sie wurden ein Paar. Ab da verbrachten sie noch viele gute Jahre zusammen. Gott kann Zumutung in Honig verwandeln.
Dr. Doris Sperber-Hartmann, Dekanin Augsburg Region Süd/Ost
Gebet: Ewiger Gott, du Licht der Welt, du beschenkst uns immer neu, verwandle Schweres in Süßes, dunkle Zeiten in helle Lebensphasen. Amen.
Lied: Wer nur den lieben Gott lässt walten (EG 369,1)



























