Gewalt als letztes Mittel oder Anmaßung?

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Reiner Anselm mit der Denkschrift. Jochen Cornelius-Bundschuh. Fotos: epd/F
Reiner Anselm mit der Denkschrift. Jochen Cornelius-Bundschuh. Fotos: epd/F

EKD-Friedensdenkschrift in der Diskussion: Suche nach Haltung zwischen Schutz und Schuld

Sie soll zu weiteren Diskussionen anregen. So beschreibt Dr. Reiner Anselm das Anliegen der neuen „Friedensdenkschrift“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der Münchner Professor für Theologische Ethik leitete das Redaktionsteam, das die Denkschrift erarbeitete. Seit ihrer Vorstellung im November 2025 wird sie intensiv diskutiert – unter anderem in der Evangelischen Stadtakademie Nürnberg.

Dort traf Anselm auf einen ebenso profilierten Kritiker: Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh, pensionierter badischer Landesbischof und aktuell Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF). Vor einem gut besuchten Saal sowie rund 40 online zugeschalteten Teilnehmenden stellte Anselm zunächst die Intention der Denkschrift vor. Leider war die Tonqualität der Online-Übertragung sehr schlecht, so dass sie nur eingeschränkt nutzbar war. Doch gibt es nun bedenkenswerte Diskussionsbeiträge zur Denkschrift.

Schutz vor Gewalt zentral

Die Denkschrift benennt unmissverständlich die Grausamkeit bewaffneter Konflikte. Wo Menschen der Gewalt ausgeliefert sind, muss ihr Schutz im Zentrum aller politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Bemühungen stehen. Unterlassung kann schuldig machen. In diesem Sinne stellt sich auch Jesus konsequent auf die Seite der Schwachen, Ausgeschlossenen und Bedürftigen.

Vor diesem Hintergrund entwickelt die Denkschrift die „Ethik rechtserhaltender Gewalt“: Gewalt kann demnach nur als letzte, begrenzte und verhältnismäßige Maßnahme in Betracht kommen, um Frieden wiederherzustellen und Recht zu schützen – eingebettet in den Einsatz für den liberalen Rechtsstaat. 

Auch wenn er nicht ausdrücklich genannt wird, denkt diese Argumentation Gedanken Dietrich Bonhoeffers weiter. Seine Bereitschaft, dem Tyrannenmord nicht auszuweichen, speiste sich aus der Überzeugung, dass Nichthandeln in bestimmten Situationen die größere Schuld bedeuten kann. Er nahm die Schuldverstrickung gewaltsamen Handelns ernst und hoffte zugleich auf Gottes Vergebung.

Mit diesem Dilemma ringt auch die Denkschrift selbst. Sie betont das Vorläufigkeitskriterium jeder rechtserhaltenden Gewalt: Menschen können nie sicher wissen, ob ihr Handeln tatsächlich Frieden stiftet oder neue Zerstörung hervorbringt. Gerade dort, wo Gewalt ausgeübt wird, bleiben sie auf Gottes Vergebung angewiesen.

Zugleich hält sie klar fest: Zivile Mechanismen der gewaltfreien Konfliktbearbeitung, Friedensbildung und Versöhnung haben stets ethischen Vorrang. Gewaltpräventive, bewahrende und nachbereitende Maßnahmen stehen an erster Stelle. Das Leitbild des „Gerechten Friedens“ entfaltet sich dabei in drei Dimensionen: der Förderung von Freiheit, dem Abbau von Ungleichheit und einem friedensfördernden Umgang mit gesellschaftlicher Pluralität.

Die Kirche spricht in diesem Verständnis nicht aus moralischer Distanz, sondern innerhalb realer politischer Rahmenbedingungen – geprägt durch das staatliche Ge­walt-
monopol, Völkerrecht und Bündnisverpflichtungen. Zugleich versteht sie sich als ethische Begleiterin öffentlicher Orientierungsprozesse. Das Evangelium wird dabei nicht als fertige Lösung angeboten, sondern als Hoffnungsperspektive. Es erinnert an die Grenzen des Machbaren und daran, Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung zusammenzudenken.

Problematisch wirkt stellenweise die starke Zeitgebundenheit der Denkschrift, etwa in der Auseinandersetzung mit der Wehrpflicht. Auch ihre watteweiche Sprache erleichtert die Lektüre nicht. Ihre Stärke entfaltet sie bei dem genannten Ringen mit bonhoefferschen Grundfragen (Seiten 53–58): Doch müssen die Lesenden die konkreten Kriterien legitimer Gegengewalt weiterdenken.

Frieden als Gottes Wirken

Als direkte Antwort auf die Denkschrift legten die AGDF und der Friedensort Woltersburger Mühle den Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ vor. Mitherausgeber Jochen Cornelius-Bundschuh nahm in Nürnberg ausdrücklich darauf Bezug. Nachhaltiger Frieden, so die zentrale These, entsteht durch Verständigung, Versöhnung und zivile Konfliktbearbeitung – nicht im Vertrauen auf militärische Stärke, auch wenn sie religiös legitimiert wird.

Cornelius-Bundschuh unterscheidet zwischen der Friedensbewegung Gottes und dem menschlichen Friedenshandeln. Diese Perspektive wehrt jeder Verabsolutierung eigener Positionen und jedem Schwarz-Weiß-Denken. Sie lebt aus der Einsicht, dass Gott selbst erst durch sein Kommen eine neue Erde schafft. Freund und Feind bleiben gleichermaßen Geschöpfe Gottes und auf Versöhnung angewiesen. Entsprechend sucht diese Haltung Wege, die das Leid der einen nicht gegen das Leid der anderen ausspielen.

Diese Sicht nimmt Konflikte ernst, ohne der Illusion zu erliegen, die Gebrochenheit der Welt überwinden zu können. Sie setzt auf Recht, verlässliche Institutionen und Strukturen, die Gewalt einhegen und Räume für möglichst gewaltarme Lösungen öffnen. Sie hilft, das Ringen um Gerechtigkeit auch dort auszuhalten, wo ihre konkrete Verwirklichung schmerzhaft ist und Verteilungskonflikte auslöst.

Viele Konflikte – zwischen Menschen ebenso wie zwischen Staaten – entstehen aus dem Gefühl, nicht gesehen oder ernst genommen zu werden. Daneben aber gibt es Aggression, die sich an Machtausübung berauscht. Und was, wenn Gott in all dem fern scheint?

Auch dann, so argumentiert Dr. Klara Butting in dem Sammelband, hat Gott die Erde „als bewohnbaren Ort“ geschaffen. Menschen sind aufgerufen, diesen Ort in Zuwendung und schöpferischer Begegnung zu bewahren. Durch die biblische Überlieferung zieht sich die Erfahrung, dass Gott „nicht bei den stärkeren Bataillonen“ steht, sondern bei den Bedrängten, bei einem kleinen Volk, das ständig ein Spielball der Großmächte – zwischen Assyrien und Rom – war. Gerade dort, wo ihre Geschichten „nicht gewaltfrei“ sind, setzt die Bibel oft „der Gewalthörigkeit“ kreative Energie entgegen.

Da liegt die eigentliche Anfrage an die Friedensdenkschrift. Reicht es aus, Gewalt als letztes Mittel ethisch zu rahmen? Oder braucht es eine noch entschiedenere Konzentration auf jene Kräfte, die Gewalt gar nicht erst notwendig werden lassen? Bonhoeffer bleibt eine ernste Mahnung für allerletzte Grenzsituationen – und als bleibender Stachel gegen jede allzu schnelle moralische Beruhigung. Friedensethik beginnt dann nicht mit der Frage nach der Rechtfertigung von Gewalt, sondern mit der unbequemen Suche nach Wegen, sie überflüssig zu machen. Susanne Borée 

Die Denkschrift ist im Buchhandel zu zwölf Euro erhältlich oder lässt sich kostenfrei herunterladen: https://www.ekd.de

Butting, Cornelius-Bundschuh u.a. (Hg.): „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, 15 Euro. Bestellbar auch online https://www.woltersburger-muehle.de