Fastnacht in Franken – eine Geschichte

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Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus
Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus

Gedanken von Raimund Kirch zu den Nürnberger Schembartläufen

Gehen die Evangelischen zum Lachen in den Keller und können nur die Katholiken zünftig Karneval feiern? Eine noch bis 15. Februar präsentierte Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg widerlegt dieses gern und oft gepflegte Vorurteil. 

Doch lange bevor der rheinisch-katholische Karneval von sich reden machte, wurde in Franken Mummenschanz getrieben, die Obrigkeit getretzt, über die Stränge geschlagen, gefeiert, getanzt, gefressen und gesoffen. Denn am Aschermittwoch war alles vorbei. Verderbliche Vorräte mussten verbraucht sein, denn bis Ostern war Fasten angesagt. Die Metzger hatten in dieser Zeit wenig zu tun, schließlich war Fleischgenuss verpönt. 

In der Ausstellung des GNM ist viel von den Tänzen der Metzger die Rede. Vor allem aber geht es um die Umbrüche beim Faschingstreiben im Zusammenhang mit der Reformationszeit. Wobei noch mit einem weiteren Vorurteil aufgeräumt wird: Dass nach 1525, dem Jahr als Nürnberg als erste Großstadt im Reich sich für den Weg Martin Luthers entschieden hatte, die Bräuche sich schlagartig geändert haben. Wer aufmerksam den Katalog zur Ausstellung liest – Titel: „Fastnacht, Tanz und Spiele in Nürnberg“ – , wird feststellen, dass närrisches Treiben weiterging, wenn auch durch Bauernkrieg, Hader mit den Markgrafen und soziale Umbrüche die Lust darauf gedämpft wurde. 

So gab es erst 1539 wieder einen der Schembartläufe, für die Nürnberg berühmt war. Höhepunkt dabei das Erstürmen und Verbrennen eines Narren-Festwagens, der so genannten Hölle, auf dem Hauptmarkt. Dieser Höhepunkt des Schembartlaufs wurde von diesem Jahr an allerdings verboten. Gern wird als Grund die Beschwerde des Hauptpredigers an Sankt Lorenz, Andreas Osiander genannt. Doch damit räumt die Kunsthistorikerin Kerstin Kaiser-Reissing in ihrem Katalog-Betrag auf. 

Zwar wird auf alten Darstellungen stets ein Kleriker zusammen mit einem Arzt und einem Astronomen gezeigt, womit Kirche, Gesundheitssystem und Wissenschaft verulkt wurden, aber Osiander hat sich beleidigt gefühlt, das ist belegt. Er, der beim Nürnberger Religionsgespräch maßgeblich die katholische Seite an die Wand gespielt und später die Branden­burg-Nürnbergische Kirchenordnung ausgearbeitet hatte, sah seinen Stern in der Reichsstadt sinken. Er und der Rat der Stadt nervten sich gegenseitig. Osiander, der Habeck seiner Zeit, fühlte sich missverstanden und ungerecht behandelt, so dass er im Jahr 1548 Hals über Kopf die Stadt verließ, die ihm ihrerseits daraufhin Bürgerrecht und Ruhegehalt strich. 1552 starb Osiander in Königsberg, wo er ebenfalls keine Ruhe gegeben und sich theologisch mit Gott und der Welt angelegt hatte. 

Das Fastnachtstreiben ging auch ohne Osiander weiter. Die Zeiten hatten sich seit Beginn der Reformation geändert, und auch die Art des Feierns. Zunfttänze fanden zwar auch weiterhin statt; zumindest gab es keine Verbote, wie die Kunsthistorikerin Kaiser-Reissing feststellt. In den Gastwirtschaften kamen die Fastnachtsspiele in Mode, für die der Name Hans Sachs exemplarisch steht. In ihnen wurde eine eigene Gattung der Komik entwickelt, stets mit einer leisen Mahnung verbunden. Das Mittelalter ist vorbei, die Ära der Konfessionskriege bricht an, nach wie vor bedrohen die Osmanen das Abendland. Andere Zeiten, andere Sitten, andere Bedrohungslagen, ein anderer Humor.