Blick wenden, Jesus selbst in rauer Zeit sehen

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt zur Offenbarung des Johannes

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel Patmos um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Da sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Aus Offenbarung 1,9–18

Auf eine Insel war der Seher Jo­hannes verbannt, und das in krisenhafter Zeit eines raueren politischen Klimas. Für mich ist das ein Bild: Manchmal bin ich wie auf einer Insel, weit entfernt von einem Leben in Geborgenheit. Manchmal bin ich auf einer Insel des Irrtums. Der Alltag bleibt grau. Manchmal ist das Leben die Hölle.

Der Geist ist auch dort wirksam, kann uns den Blick wenden und Stimmen hören lassen, die wir oft überhören im Lärm der Welt. Johannes wendet sich um und sieht Christus. Die Welt anders sehen und das Eigentliche entdecken, das ist ein Geschenk. Johannes erlebt einen Perspektivwechsel, weg von dem, was uns Angst einjagt, unverrückbar und trist erscheint. Ich wende mich um, höre andere Stimmen und sehe andere Bilder als die des Schreckens, der Ratlosigkeit oder des Hasses. Sich-Umwenden und Christus sehen ist kein Verdrängen der Wirklichkeit, sondern das Glaubensgeschenk: Im Irrsinn des Lebens oder in aller alltäglichen Routine kann ich neu und tiefer sehen und hören. Es gibt noch mehr als das, was mich auf meine einsame Insel verbannt. Kein Mensch muss eine Insel sein. Christus öffnet uns Augen und Ohren für die Zeichen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, trotz allem. 

„Fürchte dich nicht!“ Das gilt auch uns. Es mögen uns unser Leben und die Welt furchtbar erscheinen oder alltäglich. Manchmal meinen wir, die Pforten der Hölle hätten sich geöffnet. Unser Glaube kann uns vor den Insel-Erfahrungen nicht bewahren. Aber der Geist kann uns ergreifen und mit neuem Mut erfüllen, etwa am Tag des Herrn. Damit mein Leben, damit ich anders sein darf, nicht nur am Sonntag.

Dr. Bernhard Liess, Stadtdekan in München

Gebet: „Heile meine Augen, damit ich mich freue an deinem Licht!“ (Augustinus)