Der Sünden-Bock als Vorbild für die Welt?

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum Hirtensonntag

Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen. 

1. Petrus 2,21b–25

Wenn der „Bock zum Gärtner gemacht“ wird, hat jemand aus Dummheit eine Aufgabe dem Falschen übertragen. Im 1. Petrusbrief wird aus dem Hirten ein Sünden-Bock gemacht. Er hat „unsre Sünden hinaufgetragen“ auf das Kreuz. Kurz nach Ostern taucht der Karfreitag auf. Ist das Leiden nicht vorbei? 

Kreuz und Tod passen nicht so recht in die Hirtenidylle des zweiten Sonntags nach Ostern. Fordert denn Gott Sühne, um sich erst gnädig stimmen zu lassen?

Kann man stattdessen das Vorbild eines standhaften Jesus sehen, der vor den Machthabern seiner Zeit nicht zurückschreckt? „Christus hat … gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen …“ Jesus ist der Märtyrer, der unschuldig leidet. Er schlägt nicht zurück, erwidert keinen Spott. Er hält die linke hin, wenn man ihn auf die rechte Wange haut. Was er verkündigt, lebt er bis in den Tod. Ist er unser Held?

Ist das ein Vorbild für unsere Zeit? Hass wird nicht erwidert; man antwortet nicht mit Gegendrohungen. Würde nicht jede Eskalation im Keim erstickt? Das erfordert sehr viel Geduld. 

Im 1. Petrusbrief geht es um das Vorbild, wie man sich seinen Mitmenschen unterordnen soll: Die Sklaven auch den seltsamen Herren, die Frauen den Männern und umgekehrt. Hass und Drohungen hinterlassen Spuren in der Seele. Fordert dieses Heldentum, dass man Traumatisierungen aushält, wenn man verletzt wird? Der am Kreuz hat offenbar so leben und sterben können. Er blieb treu bis in den Tod.

Aber er blieb nicht unverletzt. Der Auferstandene zeigt seine Wunden denen, denen er begegnet. Die Nägelmale trägt er mit ins neue Leben. Das Kreuz bleibt sein Erkennungszeichen auch über den Tod hinaus. Aber es ist kein Heldenzeichen. Er brüstet sich auch nicht mit seinen Narben. Heldentum ist nicht die Botschaft des Auferstandenen.

Der 1. Petrusbrief schreibt kein Heldenlied. Er kann nicht das Vorbild vom Retter trennen, der die Sünden der Menschen an das Kreuz trägt. Darum schreibt er: „Christus hat für euch gelitten.“ Das Vorbild besteht nicht einfach darin, dass er Moral bis zuletzt durchgehalten hätte. Sondern Christus hat sich für uns eingesetzt und die Last getragen, die auf der Menschheit liegt. Mit dieser Sühne wird nicht Gott gnädig gestimmt. Sondern weil er gnädig ist, trägt er für uns das Kreuz.

So trägt der gute Hirte die Zeichen seines Kreuzes auch in die Osterzeit. Wenn das nicht ein Grund ist, seinen Spuren zu folgen!

Dr. Wenrich Slenczka, Dekan in Würzburg

Gebet: Jesus Christus, du bist der Hirte und Bischof unserer Seelen. Lass uns nicht erschrecken vor deinem Kreuz, sondern dir nachfolgen. Bewahre alle Haupt- und Ehrenamtlichen, die unsere Kirche leiten. Amen.