Sich selbst Willkommen heißen

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger

Kürzlich habe ich diesen Satz – gesprüht auf eine Garagenwand – bei einem Spaziergang entdeckt: „Heute besuche ich mich selbst – hoffentlich bin ich daheim.“

Ich musste ihn mehrfach lesen, bis sich mir der Sinn wirklich erschloss. Und dann blieb er hängen. Denn: Was braucht es eigentlich für einen gelungenen Besuch? Vielleicht zuerst einmal Zeit. Kein kurzer Zwischenstopp zwischen zwei Terminen, sondern ein bewusstes Ankommen. Dann Aufmerksamkeit, verbunden mit der aufrichtigen Frage: Wie geht es dir eigentlich? Was beschäftigt dich? Und die Bereitschaft, die Antwort auszuhalten – auch wenn sie nicht sofort angenehm ist. 

Schließlich Gastfreundschaft. Wenn ich irgendwo eingeladen bin, wünsche ich mir, freundlich empfangen zu werden. Dass da jemand ist, der mich nicht gleich bewertet, sondern mir einen Platz anbietet. Zu einem guten Besuch gehört auch, dass nicht alles perfekt sein muss. Es darf unaufgeräumt sein. Man darf müde sein, unsicher, vielleicht sogar ein bisschen verloren. Ein guter Gastgeber würde sagen: Komm trotzdem rein.

Ich musste dabei an die letzten Besuche von einer Freundinnen denken, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte. Wie ich noch schnell ein bisschen Ordnung schaffte, ihr Lieblingsgetränk einkaufte und etwas Leckeres kochte. Ich gebe mir Mühe, dass sich mein Besuch wohlfühlt, dass es an nichts fehlt, dass gute Gespräche entstehen.

Und wenn ich mich selbst besuche? Vielleicht ist genau das die entscheidende Frage: Wie empfange ich mich selbst? Mit Kritik und Ungeduld – oder mit einer gewissen Milde? Wie oft bin ich eigentlich nicht wirklich zu Hause bei mir selbst? 

Unser Alltag ist voll von Aufgaben, Terminen und Erwartungen. Wir eilen von einem zum nächsten, reagieren auf Nachrichten, planen schon das Übernächste. Wir funktionieren – oft sogar ziemlich gut. Und verlieren dabei doch manchmal den Kontakt zu uns selbst.

Vielleicht ist diese kleine Idee gar nicht so abwegig: sich selbst einmal zu besuchen. Sich die Tür zu öffnen. Sich hinzusetzen, zuzuhören, da zu bleiben. Mit einem Kalt- oder Heißgetränk der Wahl. Und vielleicht entdecken wir dabei: Es ist gar nicht so schwer, zu Hause zu sein. Man darf nur anfangen, sich willkommen zu heißen.