Langer Atem im Grenzland der Geschichte

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Enno Haaks (links) vom deutschen Gustav-Adolf-Werk überreicht Pfarrer Simon Sever in Bodonci nach der erfolgreichen Kirchenrenovierung eine Plakette, die die Förderung belegt. Foto: Borée
Enno Haaks (links) vom deutschen Gustav-Adolf-Werk überreicht Pfarrer Simon Sever in Bodonci nach der erfolgreichen Kirchenrenovierung eine Plakette, die die Förderung belegt. Foto: Borée

Wie Evangelische im Osten Sloweniens seit langem wirksam sind und Geschichte tragen

Teil 1: Kontinuität in einer Region des Umbruchs

Wer heute durch das sanfte Hügelland der Region Prekmurje im äußersten Nordosten Sloweniens fährt, ahnt kaum die tiefgreifenden Wechselfälle der Geschichte dort. Innerhalb weniger Jahrzehnte verschoben sich massiv die Grenzen. Es zeigten sich massive gesellschaftliche Umbrüche, es entstanden Staaten und wurden wieder aufgelöst. 

Auch für die Delegation des Gustav-Adolf-Werkes (GAW) aus Leipzig war dies auf den ersten Blick kaum sichtbar. Sie nahm an der Feier zur Bischofsübergabe in der Evangelischen Kirche in Slowenien A. B. am 1. Advent 2025 teil, die Autorin konnte sie begleiten. 

Gleichzeitig gibt es in vielen Orten im Osten Sloweniens jedoch eine bemerkenswerte personelle Kontinuität evangelischer Pfarrer – und mit ihr eine Stabilität kirchlichen Lebens, die bis heute prägend ist. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist das Dorf Bodonci. Hier wirkte Karol Šiftar ganze 64 Jahre lang als Pfarrer – von 1895 bis 1959. Und dies, nachdem er ja zunächst sein Theologiestudium beendet haben muss. Über seine Persönlichkeit ist wenig überliefert, doch allein die Dauer seines Wirkens lässt erahnen, welche Bedeutung er für seine Gemeinde gehabt haben muss.

Bei Šiftars Amtsantritt war die Region Prekmurje – oder Übermur (da östlich des Flüsschens Mur gelegen), die tief im Nordosten Sloweniens an das heutige Ungarn sowie das österreichische Bundesland Steiermark mit der Landeshauptstadt Graz grenzt – seit Jahrhunderten Teil des Habsburger Reiches. Sie gehörte zum ungarischen Teil des Reiches. Dieser galt im Vergleich etwa zu Österreich als relativ tolerant gegenüber religiösen Minderheiten. Protestantische Adlige und politische Kompromisse hatten früh Räume und selbst Toleranzorte für evangelisches Leben geschaffen. Auch in Bodonci besteht seit 1792 eine lutherische Gemeinde.

Kirche als Anker

Der junge Pfarrer Karol Šiftar begann bald nach seinem Amtsantritt mit dem Bau einer neuen Kirche in Bodonci. Sie wurde noch im Dezember 1899 geweiht. Politische Umbrüche wie den Ersten Weltkrieg und den anschließenden Zerfall des Habsburgerreiches konnte ihr zunächst wenig anhaben – auch wenn die Region ans neu gegründete Königreich Jugoslawien fiel. 1941 annektierte das mit dem deutschen Nazi-Regime verbündete Ungarn es wieder. Im April 1945 befreiten die Rote Armee und jugoslawischen Partisanen das Gebiet. 

Karol Šiftar und seine Gemeinde mussten erleben, wie Josip Tito nach 1945 seine Macht in dem Vielvölkerstaat auf dem Balkan ausbaute, 1948 mit Stalins Sowjetunion brach und sein Land auf einen blockfreien, aber totalitären Kurs brachte. Diese staatlichen Rahmenbedingungen erschwerten kirchliches Leben, Baumaterialien und finanzielle Mittel waren knapp. Die Kirche litt zunehmend unter Feuchtigkeitsschäden, doch Möglichkeiten zur Sanierung gab es lange nicht. Kontinuität bedeutete hier nicht Stillstand, sondern das geduldige Bewahren dessen, was vorhanden war. Die Kirche blieb dabei ein verlässlicher Orientierungspunkt.

Auf Šiftar folgte 1960 Ludvik Jošar, der wiederum 45 Jahre lang in Bodonci wirkte. Auch seine Amtszeit war von historischen Einschnitten geprägt: dem langsamen Zerfall
Jugoslawiens, der Unabhängigkeit Sloweniens 1991 und dem EU-Bei-tritt 2004. Zwei Pfarrer, zusammen mehr als ein Jahrhundert – was für eine bemerkenswerte Stabilität!

Netzwerker auf neuem Weg

Seit 2005 ist nun Pfarrer Simon Sever in Bodonci tätig – aber inzwischen mehr als das: Netzwerker und Nachbar. Er hilft, den Ort zusammenzuhalten, obwohl viele Dörfler heute zur Arbeit nach Österreich pendeln. Die Bindung an den Heimatort erscheint nicht mehr selbstverständlich – sie muss gestaltet werden.

Schon 2001/02 konnte Sever als Stipendiat des Gustav-Adolf-Werkes (GAW) in Leipzig neue Erfahrungen sammeln. Die Erfahrungen aus dieser Zeit haben ihn nachhaltig geprägt. Diese nutzte er, um nun die inzwischen denkmalgeschützte aber ma­rode Kirche grundlegend zu sanieren. Bis 2022 wurden Mauern freigelegt, Drainagen angebracht und der schadhafte Putz vollig erneuert. 

Das Gustav-Adolf-Werk unterstützte die Arbeiten mit 14.000 Euro. Ebenso bedeutsam war der Einsatz der Gemeinde selbst: Neben Handwerkern aus der Region haben die gut tausend Gemeindemitglieder, darunter viele junge Familien, insgesamt 5.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden für die Kirche investiert. 

Heute ist sie nicht nur trocken und stabil, sondern auch energetisch zukunftsfähig: Eine Wärmepumpe sorgt für angenehme Wärme, das benachbarte Gemeindehaus wurde bereits zuvor energieeffizient umgebaut. Mutter-Kind-Gruppen sind dort genauso anzutreffen wie Kurse zur musikalischen Früherziehung. Sever öffnet das Haus auch für andere Vereine – etwa für die freiwillige Feuerwehr. Die Gemeindearbeit wirkt als Salz in ihrer Umgebung.

Eines seiner besonderen Markenzeichen ist inzwischen die Imkerei der Gemeinde. Rund 30 Bienenstöcke gibt es, der Honig wird unter anderem über das GAW Württemberg. Pfarrer Sever ist da als „Honig-Pastor“ bekannt – ein kleines, aber sprechendes Beispiel dafür, wie Kirche im Dorf bleibt, indem sie neue, lebensnahe Wege geht. Schließlich liegt das Kirchgeld für jeden Getauften bei 50 Euro jährlich. 

=> Zum 2. Teil: Blick in die Region

=> Allgemeine Informationen über Lutheraner in Slowenien

=> Mehr Informationen über die Unterstützung der Gemeinde in Bodonci durch das Gustav-Adolf-Werk