Dunkle Seite der bunten Fenster und Altäre

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Auf der Spur antijüdischer Darstellungen in der Rothenburger St. Jakobs-Kirche

Ende 2025 gab die Evangelische Hochschule Nürnberg bekannt, welche Abschlussarbeiten mit einem Förderpreis ausgezeichnet wurden. Neben Geehrten von Seiten der Akademie für Hospizarbeit und Palliativmedizin Nürnberg, der Rummelsberger Diakonie und der Stadtmission Nürnberg, zeichnete auch das  Religionspädagogische Zentrum (RPZ) Heilsbronn Tobias Göttfert aus. Der angehende Religionspädagoge widmete seine Bachelorarbeit den antijüdischen Bildmotiven in der Rothenburger St.Jakobs-Kirche. Diese Untersuchung bildet nun den Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung zum Holocaust-Gedenktag.

Zwischen den hohen gotischen Fenstern, leuchtenden Farben und den weltberühmten Schnitzwerken Tilman Riemenschneiders überwältigt der Gesamteindruck der spätgotischen Rothenburger St. Jakobs-Kirche. Kaum jemand rechnet in dem erhabenen Gotteshaus mit Irritationen. Und doch sind sie da – verborgen in frommen Bildern. 

Für Tobias Göttfert sind sie unübersehbar: Der 27-jährige Rothenburger engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in der Gemeinde. Als Kirchenführer steht er immer wieder vor denselben Altären und Fenstern. 

Brotgabe mit Lokalkolorit

Ein Schlüsselwerk ist für den angehenden Religionspädagogen das sogenannte „Eucharistiefenster“. Es zeigt eine Szene aus dem Alten Testament: Gott versorgt das Volk Israel in der Wüste mit Manna, dem Brot vom Himmel – ein Motiv, das Christen als Vorausdeutung auf das Abendmahl verstehen. „So wird der alttestamentlichen Erzählung ein heilsgeschichtlicher Charakter zugeschrieben“, schreibt Göttfert. Die unbekannten Künstler hätten die Perikope, welche die jüdischen Wurzeln des Christentums erkennbar werden lässt, auch bewusst ausgliedern können.“ Doch sie entschieden sich dagegen – und gaben der Szene sogar ein fränkisches Lokalkolorit.

Von einer Balustrade werfen Engel, teils in priesterliche Gewänder gekleidet, hingebungsvoll Brezen und Spitzwecken hinab. Die Szene wirkt malerisch, fast märchenhaft. Doch Göttferts Blick geht weiter nach unten, zu den Menschen, die das Gebäck auffangen: Sie tragen nämlich Judenhüte.

„Da das Eucharistiefenster um 1400 entstand, ist das Tragen der Judenhüte zu dieser Zeit nicht auf Selbstbestimmung zurückzuführen. Seit dem Beschluss des Laterankonzils von 1215 galt eine Kennzeichnungspflicht“, schreibt Tobias Göttfert. Die Hüte markieren die Personen als fremd, als ausgegrenzt. Dazu kommen Gesichter mit übergroßen Nasen. „Physiognomische Verzerrungen von Juden kennt die sakrale Kunst schon seit dem 13. Jahrhundert. Zur vermeintlichen Erscheinung gehörte auch die verkrümmte Nase, die in viele Kunstwerke eingeflossen ist“, ergänzt der Religionspädagoge. So kippe eine positive biblische Szene in eine subtile Form der Abwertung.

Widersprüchlicher ist die Lage beim „Zwölf-Boten“-Altar des Malers Friedrich Herlin. Um 1466 entstand dort die Darstellung der Beschneidung Jesu – eines zutiefst jüdischen Rituals. Göttfert beschreibt sie als „tendenziell neutral; teilweise sogar positiv (etwa empathische Gesichtsausdrücke der Beteiligten)“. Im Vergleich mit anderen zeitgenössischen Bildern etwa in Württemberg am Herrenberger Ratgeb-Altar wirke die Szene weniger antijüdisch. 

Doch der Beschneider trägt Warzen im Gesicht – in der Bildsprache des Mittelalters oft ein Zeichen moralischer Minderwertigkeit. Wirklich? Bei Herlin zeigen auch die Jünger Jesu auf anderen Bildern Warzen, ohne dass sie negativ erscheinen. Eine Brille – eines der ältesten Darstellung dieses Hilfsmittels – trägt neben dem Beschneider auch der lesende Petrus. 

Zweideutig erscheint die Szene durch den Bildaufbau. Ist da ein Hostiengefäß im Vordergrund? Lassen sich bildliche Assoziationen zu Ritualmorden ziehen, die Juden damals vorgeworfen wurden? Zudem legte Herlin das Messer einem Priester in die Hand, sah Göttfert, doch führt dieses Ritual der Mohel aus, ein spezieller Beschneider. Da „muss zwischen fehlendem Wissen und bewusster antijüdischer Konnotation unterschieden werden. Eine eindeutige Beurteilung ist daher nicht möglich.“ Sie darf nicht naiv betrachtet werden.

Eindeutig hingegen ist für Göttfert die Judas-Darstellung am Heilig-Blut-Altar Tilman Riemenschneiders. Während der Verräter oft als dämonisch verzerrter Jude erscheint, fehlt hier jede Stigmatisierung – keine finsteren Züge. „Judas wird eher positiv dargestellt; als essenzieller Bestandteil – als Mitvollstrecker – des Heilsplanes Gottes“, schreibt er.

Offener Umgang nötig

Gerade diese Unterschiede zeigen, dass es keine einheitliche Richtung des Bildprogramms gab. Doch sie werfen die Frage auf: Welche Möglichkeiten des Umgangs mit diesen Bildern gibt es? Für problematisch hält es Göttfert, dass „aktuell kein informierendes bzw. distanzierendes Material“ vor Ort gibt. 

Bei seinen Treffen mit den anderen Kirchenführern in St. Jakob hat Tobias Göttfert seine Arbeit bereits vorgestellt. Es stieß auf großes Interesse, meint er im weiteren Gespräch mit dem Sonntagsblatt. Und im Rahmen seines Vorbereitungsdienstes als Religionspädagoge, den er im Herbst vor Ort angetreten hat, führte er bereits Konfi-Gruppen oder Schulklassen durch die St. Jakobs-Kirche. Gerade gestaltet er in der Mittelschule eine Unterrichtseinheit zum Thema „Judentum“.

In der Kirchengemeinde ist derzeit ein neuer Kirchenführer in Arbeit, ergänzt Touristenpfarrer Dr. Oliver Gußmann, der auch das jüdische Rothenburg im Blick hat. Entsprechende Flyer und Info-Tafeln sind ebenfalls im Gespräch. Sie sollen die Darstellungen kritisch kommentieren.

„Die gesellschaftliche Relevanz dieser Arbeit könnte kaum größer sein“, würdigt Dr. Patrick Grasser vom Referat Bildung des RPZ Heilsbronn in seiner Begründung für die Verleihung des Förderpreises. „In einer Zeit, in der Antisemitismen wieder erstarken, setzt sie ein klares Zeichen: Sie fordert dazu auf, die eigenen Traditionen kritisch zu prüfen und Verantwortung für die Wirkungsgeschichte kirchlicher Kunst zu übernehmen.“