
Oikocredit – ein halbes Jahrhundert gelebte Nachhaltigkeit in der Welt der Geldkredite
Seit 1975 bietet Oikocredit die Möglichkeit, sein Geld so anzulegen, dass auch Menschen mit wenigen finanziellen Mitteln, Chancen zur Teilhabe an der Gesellschaft eröffnet bekommen.“ Mit diesen Worten umriss Heinrich Bedford-Strohm zum 50-jährigen Jubiläum die Wirkungsweise von gelebter Solidarität auch in der Welt des Geldes. Der ehemalige bayerische Landesbischof hielt in seiner aktuellen Funktion als Vorsitzender des Weltkirchenrats seine Videobotschaft zum 50-jährigen Bestehen der Genossenschaft.
Da lohnt ein Rückblick: Diese Idee ist aus einer Aufbruchsstimmung des Weltkirchenrats gewachsen. Bereits 1968 forderten Delegierte auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen im schwedischen Uppsala vernehmbar andere Wege des Wirtschaftens.
Daraus entstand 1975 Oikocredit als ökumenische Entwicklungsgenossenschaft. „Das Ziel war ein Investitionsinstrument für Kirchen und kirchliche Organisationen im Sinne des christlichen Auftrages zu schaffen“, so Bedford-Strohm. Und weiter: „Es ging um Wege zu einer gerechten Welt, um das Teilen von Ressourcen, um ein Engagement dafür, dass alle Menschen in Würde leben können.“
1978 flossen die ersten Mittel für sozialen Wohnungsbau und Mikrokredite nach Indien und Ecuador, so Jessica Bodmann, Geschäftsführerin bei Oikocredit Deutschland im Video-Gespräch mit dem Sonntagsblatt. In acht europäischen Ländern tragen Förderkreise und Ehrenamtliche die Idee verantwortungsbewussten Investierens weiter. Sie organisieren Veranstaltungen, sensibilisieren für nachhaltige Geldanlagen und machen deutlich, dass Wandel nicht allein durch Kapital entsteht, sondern durch gemeinsames Handeln und Verantwortung. Oft waren und sind sie eng verbunden mit der Arbeit der EineWelt-Läden. Obwohl die Zentrale von Oikocredit in den Niederlanden liegt, sind etwa die Hälfte der Förderkreise in Deutschland aktiv – daneben besonders in Österreich und der Schweiz, in den Niederlanden, Frankreich und Spanien.
Weltweit 45.000 Anlegerinnen und Anleger, die ihr Geld bei Oikocredit investieren, erhalten eine moderate Dividende von ein bis zwei Prozent. Auch Kirchengemeinden oder sogar ganze Landeskirchen legen bislang noch Geld bei Oikocredit an. Trotz der zunehmend schwierigen kirchlichen Finanzlage verzeichnet die Genossenschaft bislang auch von ihnen „noch keine Kündigungen außerhalb der Norm“, so Bodmann.
Geld mehrfach im Kreislauf
Partnerorganisationen von Oikocredit geben kleine Kreditsummen an die Menschen vor Ort weiter, die sie benötigen. Zinsen sichern ihre Arbeit und schaffen Stabilität. Die Darlehen werden nach festen Zeitplänen zurückgezahlt. Durch diesen Kreislauf lassen sich immer wieder neue Projekte finanzieren. Gibt es Schwierigkeiten bei der Rückzahlung, suchen die Partnerorganisationen zuerst das Gespräch und vereinbaren etwa längere Laufzeiten, so Bodmann. Bei wirtschaftlichen Krisen oder klimabedingte Ernteausfällen gäbe es auch Abschreibungen, doch wird auf einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem anvertrauten Geld geachtet.
Die Herausforderungen bleiben auch nach einem halben Jahrhundert groß: 1,4 Milliarden Erwachsene weltweit haben keinen ausreichenden Zugang zu Finanzdienstleistungen. Dagegen hilft eine Infrastruktur für inklusives Finanzwesen: von Sparkonten über Kredite und Versicherungen bis zu Auslandsüberweisungen.
Zwei Drittel der ärmsten Menschen leben ländlich – daher gibt es auch besonders Mikrokredite für Investitionen in diesem Bereich. Da sind die Rückzahlungen an die Erntezyklen angepasst. Allerdings führen Extremwetter in Indien, in afrikanischen oder südamerikanischen Ländern nun immer öfter zu Überschwemmungen oder Dürre, die die Ernte vernichten.
So investiert Oikocredit gerade in „Anpassungsmaßnahmen“ gegen klimatische Turbulenzen wie etwa die „Agro-Forstwirtschaft“. Damit können etwa Kaffeesträucher durch Bäume beschattet werden. Es gibt Investitionen in klima-resistenteres Saatgut oder für die Umstellung auf biologische Anbaumethoden.
Oikocredit gibt nicht nur Geld, sondern begleitet seine Partner im globalen Süden mit Beratung und Schulungen, damit sie soziale, ökologische und finanzielle Entscheidungen verantwortungsvoll weiterentwickeln können. 90 Prozent der Kredite gehen immer noch an Frauen, da sie gerade in ärmeren Gesellschaften strukturell benachteiligt sind, aber gleichzeitig besonders verantwortungsvoll mit Krediten wirtschaften.
Inzwischen rücken auch erneuerbarer Energien in den Fokus von Oikocredit. 685 Millionen Menschen weltweit leben ohne sauberen und bezahlbaren Strom, so die Genossenschaft. Mini-Solarnetze, solare Wasserpumpen oder Kühlräume können Einkommen steigern oder Menschen helfen. Seit 2024 fördert Oikocredit zudem gezielt klimaintelligente Projekte, die Energieeffizienz steigern, die Wasserversorgung sichern und Ernährungssysteme stabilisieren. Beratung und technische Unterstützung stärken lokale Unternehmen zusätzlich. Parallel dazu flossen seit vergangenem Jahr 84,4 Millionen Euro etwa in Projekte, um Bildung und Wohnen, Trinkwasser und Infrastruktur in den Armen Ländern zu verbessern.
Bereits seit 2008 erfasst Oikocredit systematisch die soziale Leistungsfähigkeit, Umweltverträglichkeit und Unternehmensführung ihrer Partner. Später folgten entsprechende Instrumente für die Bereiche Landwirtschaft und erneuerbare Energien.
Auch 48.000 Endkunden aus 19 Ländern nahmen an Befragungen teil. 81 Prozent berichteten von verbesserten Lebensumständen, mehr als die Hälfte von gestiegenen Einkünften und höheren Ersparnissen.
Nachhaltigkeit stärken
In einer Welt wachsender Ungleichheiten und Krisen wirkt dieses Leitbild wie ein Kompass. Zum Jubiläum wurde Oikocredit mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie „Vermögensverwaltung und Beteiligungsgesellschaften“ ausgezeichnet – da ihr Ansatz sozialen Fortschritt, ökologische Nachhaltigkeit und ökonomische Teilhabe in Balance bringt.
Gerade bei zunehmenden Kürzungen in der Entwicklungshilfe kann die Genossenschaft Lücken bei der Unterstützung überbrücken. Es ist natürlich immer eine Herausforderung, soziale Wirkung, ökologische Standards und wirtschaftliche Tragfähigkeit in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Doch da hat Oikocredit nach 50 Jahren genug Erfahrung gesammelt, wirtschaftliche Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und gelebte Verantwortung miteinander zu verbinden. Susanne Borée
Mehr über die Genossenschaft online: https://www.oikocredit.org




























