
Alte Pfarrberichte als neuer Schatz für Heimatkundler und Forscher – nun digital abrufbar
Was bewegte die Menschen in Bayern vor knapp 200 Jahren? Wie lebten sie, worüber stritten sie, was machte ihnen Sorgen – und was Hoffnung? Antworten darauf finden sich auch in Texten, die Pfarrer mit spitzer Feder und wachem Blick verfassten. Diese sogenannten Pfarrbeschreibungen sind nun vollständig digitalisiert und öffentlich zugänglich: ein Schatz für Forschung, Heimatkunde und alle, die sich für das Alltagsleben früherer Generationen interessieren.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert hielten evangelische Pfarrer in ganz Bayern fest, wie es in ihren Gemeinden zuging. Sie berichteten von Familienleben und Frömmigkeit, von wirtschaftlicher Lage und sittlichem Wandel – aber auch von politischem Engagement, Bildungsfragen und lokalen Konflikten.
Was dabei entstand, ist alles andere als „knochentrockenes bürokratisch‑administratives Material, sondern packender Lesestoff“, sagt Marcus Mühlnikel, Geschäftsführer des Instituts für Fränkische Landesgeschichte (IFLG). Nun sind diese Quellen in digitaler Form allgemein zugänglich – nach einem gemeinsamen Projekt des Landeskirchlichen Archivs der Evangelisch‑Lutherischen Kirche in Bayern, das die Quellen zur Verfügung stellte, und des IFLG der Universitäten Bayreuth und Bamberg, die sie erschloss. Möglich wurde dieses Projekt durch die vollständige Finanzierung über „bavarikon“. Auf ihrem Kulturportal stehen nun rund 2.500 Archivalien mit insgesamt mehr als 300.000 Scans aus etwa 2.600 bayerischen Gemeinden zur Verfügung.
Fester Aufbau der Fragen
Der besondere Reiz der Pfarrbeschreibungen liegt in ihrer Vergleichbarkeit. Seit einem synodalen Beschluss von 1832 mussten die Berichte nach einem bayernweit einheitlichen Fragenkatalog verfasst werden. Dem Oberkonsistorium in München war es wichtig, die bis dahin üblichen allgemeinen Berichte neu zu ordnen: Jährliche Ereignisse sollten fortan in kurzen Jahresberichten festgehalten werden, während die grundlegenden Verhältnisse einer Pfarrei in einer umfangreichen Pfarrbeschreibung dokumentiert wurden. So entstanden serielle Quellen: Sie erlauben es, Gemeinden über Jahrzehnte hinweg miteinander zu vergleichen.
Der erste Teil dieser systematischen Pfarrbeschreibungen entstand zwischen 1833 und 1843. Rund 400 Orte wurden damals erfasst, zehn Jahre später überarbeitet und ergänzt. Ein zweiter großer Erhebungszeitraum folgte ab 1864, ein dritter ab 1912. Die jüngsten Exemplare waren teils erst in den 1920er‑ oder 1930er‑Jahren abgeschlossen. Trotz zeitlicher Unterschiede folgen alle diese Berichte einem klaren Aufbau – und eröffnen gerade dadurch einen facettenreichen Blick auf Bayerns Gemeinden.
Besonders dicht ist diese Überlieferung für Mittelfranken, lange Zeit das Zentrum des bayerischen Protestantismus. Selbst 2018 lag der Anteil noch bei fast 50 Prozent – mehr als in jedem anderen Regierungsbezirk. Die Pfarrbeschreibungen zeichnen ein detailreiches Panorama des Alltags zwischen Vormärz, Kaiserreich und Weimarer Republik.
Sie beginnen jeweils mit einem historischen Überblick: Wie entstand die Pfarrei, wann wurden Kirche, Pfarr‑ und Schulhaus errichtet, welche Quellen liegen zugrunde? Es folgen chronologische Zusammenfassungen wichtiger Ereignisse sowie Angaben zum Pfarrsprengel und zum baulichen Zustand kirchlicher Gebäude. Hinzu kommen kurze Biografien früherer Pfarrer, Lehrer, Kantoren und Organisten sowie detaillierte Angaben zur finanziellen Lage der Pfarrei. Einnahmen und Ausgaben sind ebenso aufgelistet wie Grund‑ und Immobilienbesitz. Gerade im 19. Jahrhundert sind liturgische Gerätschaften und Paramente ebenso detailliert dargestellt wie die Bestände der Pfarrbibliotheken.
Von besonderem historischem Wert sind die Abschnitte, in denen das zeitgenössische Gemeindeleben beschrieben wird. Präzise, teils statistisch unterlegt, berichten die Pfarrer über Verkehrsverhältnisse, Wasserversorgung, Berufsstruktur oder Bevölkerungsentwicklung – bis hinein in kleinste Ortschaften. Ab 1912 erhielten die kultischen und außerkultischen Formen des Gemeindelebens ein eigenes Kapitel. Gottesdienste, Sakramente, Konfirmationen und Begräbnisse rückten stärker in den Blick.
Allen Jahrgängen gemeinsam ist ein abschließendes Kapitel über Religiosität und Sittlichkeit der Gemeinde. Im 19. Jahrhundert standen dabei vor allem die Hemmnisse der Frömmigkeit im Mittelpunkt – samt Vorschlägen zu ihrer Überwindung. Im 20. Jahrhundert ging es stärker um soziale Fragen, wirtschaftliche Verhältnisse sowie Ehe‑ und Familienleben. Immer öfter sind den Texten historische Fotografien beigefügt, während ältere Jahrgänge häufig Abschriften früherer Quellen enthalten.
Landesbischof Christian Kopp und die Generaldirektorin der Bayerischen Staatsbibliothek, Dr. Dorothea Sommer, stellten das Projekt gemeinsam mit den Beteiligten vor. Kopp verwies zum erfolgreichen Abschluss des Projekts auf die Bedeutung der Erinnerungskultur. Geschichte sei wichtig für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft. Insbesondere die Pfarrbeschreibungen hätten zudem einen praktischen Nutzen. Auch ihm sei als junger Pfarrer an seiner ersten Pfarrstelle eine Pfarrbeschreibung an die Hand gegeben worden, die ihm wertvolle Einblicke in die Gemeinde gab.
Inzwischen lagerten diese überwiegend handschriftlichen, teils bereits maschinenschriftlichen Bände im Landeskirchlichen Archiv in Nürnberg. Mit der nun abgeschlossenen Digitalisierung im Jahr 2025 sind sie aus dem Archivregal ins digitale Schaufenster gewechselt.
Dr. Alexandra Lutz freute sich als Leiterin des Landeskirchlichen Archivs besonders über das Projekt, da die Pfarrbeschreibungen nun von der Forschung viel stärker wahrgenommen werden. Der unkomplizierte Zugang zu Archivgut sei wichtig und zeitgemäß. Daher führt das Landeskirchliche Archiv derzeit viele Projekte zur Digitalisierung durch.
Schließlich sind die Pfarrbeschreibungen präzise Momentaufnahmen vergangener Lebenswelten. Sie erzählen von Alltag und Ausnahme, von Glauben und Zweifel, von Ordnung und Wandel. Sie machen sichtbar, was Menschen in Bayern vor 150 oder 200 Jahren bewegte. Dies zwar durch die Brille ihrer Pfarrer – doch vielleicht sahen diese auch genauer hin, als man es ihnen zugetraut hätte. Jetzt warten sie auf eine systematische Auswertung.
Die „Evangelische Pfarrbeschreibungen des 19./20. Jahrhunderts in Bayern“ finden sich unter https://www.bavarikon.de.
Mehr Informationen dazu auf den Seiten des Landeskirchlichen Archivs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern unter https://www.archiv-elkb.de/projekt-digitalisierung-der-historischen-pfarrbeschreibungen-im-laelkb


























