Annahme eigener Schuld: Weg zur Befreiung

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Versuchungsgeschichte aus Genesis

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zu der Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht, und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. (…) Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. (…) 

Aus 1. Mose 3,1–24

„Wissen Sie, Herr Pfarrer, eigentlich sind die Umstände schuld, dass ich hier im Gefängnis bin.“ Als Gefängnispfarrer kenn ich solche Sätze zuhauf. Ich verstehe, was ein Gefangener damit meint. Und doch: Aus meiner Sicht drückt er sich vor dem Punkt, an dem er hätte „Nein“ sagen können – und müssen.

Die Antworten von Eva und Adam auf die Frage Gottes erinnern mich daran. Adam schiebt die Schuld auf Eva; Eva schiebt die Schuld auf die Schlange. Mit der Schuld auch die Verantwortung für das eigene Handeln. Beide, Eva und Adam, hatten die Möglichkeit „nein“ zu sagen. Aber die Versuchung war zu groß. 

Sie merkten plötzlich, dass sie nackt waren. Adam und Eva versteckten sich als Gott kam. Das verriet sie. Gottes Reaktion erscheint auf den ersten Blick wie eine reine Strafe: Mühsal bei der täglichen Arbeit für Adam, Wehen bei einer Geburt für Eva, Vertreibung aus dem Paradies. Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass sich dadurch eine neue Lebensperspektive bietet. Ein neuer Weg zu leben ist möglich, trotz aller Mühsal.

Bei Gefängnisinsassen hat eine Strafe einen ähnlichen Effekt. Auf der einen Seite ist sie eine berechtigte Folge ihres Fehlverhaltens. Auf der anderen Seite verbirgt sich darin eine Chance. Mit dem „alten“ Fehlverhalten abzuschließen; nach der Haft ein anderes Leben zu führen. Eine ganze Reihe von Gefangenen nutzt diese Chance. Sie übernehmen ihre Verantwortung und ändern ihr Leben.

Übrigens, das gilt auch für die Menschen, die nicht hinter Gittern sind. Dort, wo ein schlechtes Gewissen uns drückt, dort gibt es eine zweite Chance für uns zu leben. Was wir daraus machen, ist unsere Verantwortung – und Freiheit.

Wolfram Lehmann, Gefängnispfarrer der JVA Hof

Lied 402: Meinen Jesus lass ich nicht