Den Geruch der Vergangenheit erschnuppern

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Wie riecht Kunst früherer Zeiten? Eindruck aus der Düsseldorfer Düfte-Ausstellung. Räucherfahne. Fotos: Melanie Zanin(Kunstpalast)/Kraus
Wie riecht Kunst früherer Zeiten? Eindruck aus der Düsseldorfer Düfte-Ausstellung. Räucherfahne. Fotos: Melanie Zanin(Kunstpalast)/Kraus

Ganzheitliche Ausstellung über die Macht der Düfte im Düsseldorfer Kunstpalast

Es beginnt kaum merklich. Ein Hauch von Weihrauch liegt in der Luft – und plötzlich öffnet sich das Hier und Jetzt zu längst vergessenen Szenen. Düfte wirken leise, aber nachhaltig. Ein Geruch genügt, und längst vergessene Bilder oder Gefühle kehren zurück. Auf diese unsichtbare Macht setzt die Ausstellung „Die geheime Macht der Düfte“ im Düsseldorfer Kunstpalast. Sie lädt zu einer Reise ein, bei der Geschichte nicht betrachtet, sondern gerochen wird.

Der Mensch verfügt über mehr als 400 Geruchsrezeptoren und kann Tausende von Duftnuancen unterscheiden. Und doch gilt der Geruchssinn in der westlichen Kultur als der am meisten unterschätzte. Sehen und Hören dominieren unsere Wahrnehmung, während die Nase oft nur als Warnsystem dient. Die Ausstellung stellt diese Hierarchie auf den Kopf – und zeigt, dass Gerüche seit jeher Kultur, Religion, Macht und Erinnerung geprägt haben.

Rauch führt zum Himmel

Bereits seit dem Anbeginn der Kultur führten Gerüche die Menschen mit spirituellen Erlebnissen bis hin zu berauschenden Eindrücken. Der aufsteigende Rauch galt schon bei Kain und Abel als Verbindung zwischen Erde und Himmel – oder zeigte an, wenn dieser Weg verbaut war. 

Wie es im Jerusalemer Tempel roch, können wir uns durchaus vorstellen: Nach Blut und verbranntem Fleisch der Tieropfer – mehr oder weniger überdeckt von Weihrauch und Salböl – offenbar vermischt mit Myrrhe, Zimt und Kalmus: Es wurde zur Weihe von Priestern, Königen und Kultgegenständen verwendet.

Doch Gerüche konnten auch zum Ausdruck göttlicher Kritik werden. Der Prophet Amos lässt Gott klagen (Am 5,21 ff.): „Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen.“ Wohlgeruch allein genügt nicht, wenn Gerechtigkeit fehlt. Ganz anders das Hohelied Salomos: Dort entfaltet sich eine üppige Welt aus süßen und würzigen Aromen, Sinnbilder für Liebe, Begehren und Intimität. Dies führte Paulus im 2. Korintherbrief weiter: „Gott aber sei gedankt, der uns … offenbart den Geruch seiner Erkenntnis durch uns an allen Orten! Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden, und unter denen, die verloren werden: diesen ein Geruch des Todes zum Tode, jenen aber ein Geruch des Lebens (2. Kor 2,14–16).

Wenige Schritte weiter durch die Ausstellung ändert sich die Atmos­phäre. Weihrauch mischt sich mit Moder, altem Holz und dem dumpfen Geruch von Vergangenheit. Geschichte roch nicht immer angenehm. Lange Zeit stank das Leben erbärmlich – vor allem für die Armen. Seit dem Spätmittelalter galt Baden als gefährlich; man fürchtete, Wasser öffne die Poren für Krankheiten. 

Armut stank erbärmlich

Der stickige Alltag wurde später im Barock nur durch schweres Parfum gemildert: Wohlgeruch als Zeichen von Rang, nicht von Reinlichkeit. Das Aroma in diesem Themenraum ist aus Rose und Zibet – aus den Drüsensekreten dieser Katzenart gewonnen – gemischt. Diese Düfte galten damals als verführerisch. Heute wirkt Zibet eher animalisch.

Erst im 19. Jahrhundert wurde die Hygiene neu betont. Forscher wie Ignaz Semmelweis, Louis Pasteur und Robert Koch entlarvten Keime als Ursache von Krankheiten. Mit Kanalisation, sauberem Wasser und neuer Hygiene verschwand der allgegenwärtige Gestank aus den Städten. 

Zugleich begann ein neues Kapitel der Geruchsgeschichte: Die Industrie entwickelte synthetische Duftstoffe. Sie beeinflussten Sympathie, Anziehung und Kaufentscheidungen – wie sich schnell zeigte. Der Geruchssinn war ökonomisch nutzbar.

Die Duftstationen und Raumaromen begleiten in jedem Themenraum die Kunstwerke. Manche von ihnen sind kaum wahrnehmbar, andere wirken irritierend. Rekonstruiert wurden etwa der Gestank aus den Pariser Slums des 19. Jahrhunderts, der beißende Gestank der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, wo Explosionen, Blut und Giftgas die Luft erfüllten oder das Aroma der Abgase und Kohleheizungen der DDR. 

Selbst der typische Museumsgeruch – trocken, staubig, holzig – bekommt hier eine eigene Bühne. Kurator Robert Müller-Grünow hat gar einen „Kunstpalast-Duft“ komponiert: Zitrone, Bergamotte, Jasmin und Zedernholz sollen Offenheit und Experimentierfreude verkörpern. Geschichte zum Mitnehmen – als Duftkerze.

Doch die Ausstellung blickt nicht nur zurück. Am Ende wartet ein Geruch, an den wohl kaum jemand Erinnerungen knüpfen kann: eine stark verdünnte Mischung aus Schwefel und Eisen. So rieche das Weltall, heißt es. Es ist der Versuch, die Unendlichkeit sinnlich zu verankern – nicht mehr durch Opfergestank und Weihrauch, sondern analytisch. 

Eine bisher ungeahnte Zukunft öffnet sich auch für die Geschichtswissenschaft durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz: Wonach rochen längst verflogene Epochen? Dieser Frage widmet sich das europäische Forschungsprojekt Odeuropa, koordiniert von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Forschende aus mehreren Ländern haben künstliche Intelligenz trainiert, um Geruchsverweise in mehr als 167.000 Büchern aus vier Jahrhunderten und in sechs Sprachen zu identifizieren. Auch rund 43.000 Gemälde wurden analysiert: Farben, Tiere, Blumen, Früchte und sogar Gesten wie das Heranwedeln eines Duftes lieferten da Hinweise.

Das Ergebnis ist eine digitale Geruchskarte Europas. Der „Odeuropa Smell Explorer“ versammelt rund 2,5 Millionen Einträge, die Identitäten prägten. Ergänzt wird er durch ein „Olfactory Storytelling Toolkit“, das Museen dabei hilft, historische Objekte auch über Gerüche zu vermitteln. Für diese Pionierarbeit erhielt das Projekt 2025 den renommierten European Heritage Award. 

Weiß die Nase mehr?

Am Ende dieser duftigen Zeitreise wird klar, dass Gerüche mehr sind als flüchtige Sinneseindrücke. Sie speichern Erfahrungen – als unsichtbare Archive, die das Gedächtnis der Menschheit tragen. Zwar kommen auch die besten Spürnasen irgendwann an ihre Grenzen: Denn die Aromen vermischen sich im Bewusstsein zu einer Überdosis an Parfum. 

Doch in einem Zeitalter, in der die visuelle Überflutung das Denken dominiert, zeigt dieser Rundgang vom Opferrauch bis zum Designerduft, wie Kultur wortwörtlich inhaliert werden kann. Wenn Kulturgeschichte nicht nur erzählt oder betrachtet wird, lassen sich ihre Spuren buchstäblich neu erschnuppern.

Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast bis zum 8. März täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Mehr online unter https://www.kunstpalast.de/de/event/duefte/