Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Chefredakteurin Susanne Borée über Handeln in einer chaotischen Welt
Im Regal liegt noch aus der Faschingszeit eine Krone aus Goldpapier. Daneben ein einfacher Stein. Ein Rest von Glanz – und ein Stück vom belasteten Alltag. Fasching ist vorbei, die Masken abgelegt. Vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, um darüber nachzudenken, welche Rollen wir im Leben spielen – und was unter dem Kostüm zum Vorschein kommt.
Zwei Wochen nach unserem christlichen Fasching, Anfang März, feiern Jüdinnen und Juden Purim – ebenfalls ein fröhliches Maskenfest. Doch hinter dem bunten Treiben steht eine Geschichte auf Messers Schneide: die Rettung des jüdischen Volkes im Perserreich.
Im Zentrum befindet eine junge Frau, die Angst davor hat, ihrer Rolle nicht gerecht zu werden. Esther wurde durch ihre Schönheit zur Königin – und lebt in Angst vor einem Herrscher, der willkürlich entscheidet und keinen Widerspruch duldet. Die Verantwortung, die auf ihr lastet, fühlt sich schwer an. Schwer wie ein Stein.
Ihr Cousin und Adoptivvater Mordechai erinnert sie daran, dass ihr Platz kein Zufall ist. Und er stellt ihr eine Frage, die bis heute nachklingt: „Wer weiß, ob du nicht gerade für eine Zeit wie diese zur Königin geworden bist?“ (Ester 4,14).
Berufung klingt hier keineswegs großartig. Es gibt keine Visionen – ja, im ganzen Buch wird Gott nicht einmal ausdrücklich erwähnt. Stattdessen: nüchterne Realität, offene Zukunft, echtes Risiko.
Vielleicht ist uns diese Geschichte gerade deshalb so nah. Verantwortung fühlt sich selten glanzvoll an. Eher nach einer mühsamen Suche nach dem richtigen Weg. Nach Spannungen, die ausgehalten werden wollen. In all dem Ringen um Zukunft. Die Wege dorthin mögen verschieden sein. Umso wichtiger ist es, gemeinsam hinzuhören.
Mordechai gibt darauf keine Erfolgsgarantie. Aber er meint: Vielleicht hat dein Leben Bedeutung. „Gerade jetzt“ ist kein Zufallsmoment, auch wenn die Geschichte vor Zufällen nur so wimmelt. Doch spricht Gott nicht durch manche unwahrscheinlichen Fügungen?
Mit dem Aschermittwoch hat nun die Passionszeit begonnen. Und zufällig fällt in diesem Jahr auf denselben Tag auch der Beginn des Ramadan. Ein starkes Zeichen: Menschen verschiedener Religionen beginnen zugleich eine Zeit der Besinnung. Vielleicht zeigt uns das auch, dass Zeiten des Innehaltens manchmal gleichzeitig beginnen – nicht zufällig, sondern weil sie nötig sind. Susanne Borée, Chefredakteurin

























