
Kirche und Diakonie bieten Orientierung, Wissen & Unterstützung für Menschen mit Demenz
Für mich ist das Trost. Ein echter Trost“, so Landesbischof Christian Kopp zum Psalm 23 in stiller Gewissheit. Und weiter: „Er löst nicht alle Probleme, aber ich spüre die Gewissheit: Ich bin gehalten. In Gottes Hand, in seiner Liebe und der Verbindung mit ihm, die trägt.“
Genau diese Erfahrung von Getragensein steht im Zentrum einer Initiative der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und der Diakonie Bayern – und sie gewinnt angesichts der alternden Gesellschaft eine neue Dringlichkeit.
Denn während das Gedächtnis nachlässt, bleiben vertraute Worte oft erstaunlich präsent. Da erinnern sich Menschen mit Demenz an Psalmen, Gebete und Lieder aus ihrer Kindheit. Der Psalm 23 gehört für viele dazu. „Meine Mutter hat ihn mit mir gebetet“, erzählt Kopp. „Und bis heute berührt er mich. Er ist poetisch schön – und voller Rätsel.“
Worte, die bleiben, wenn vieles andere verloren geht. Worte, die tragen, wenn Orientierung schwindet. Kirche ist eine Gemeinschaft, die Menschen hält. Menschen mit Demenz sind trotz des eigenen Gedächtnisverlustes aufgehoben in der Erinnerungsgemeinschaft der Kirche.
Mit der Broschüre „Vertrauen finden im Vertrauten“ zum Schwerpunkt „Menschen mit Demenz und Kirche“ der ELKB sowie der begleitenden Website setzen Kirche und Diakonie ein bewusstes Zeichen. Anlass dazu gibt nicht zuletzt die Statistik. Heute leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung – bis 2050 könnten es bis zu 2,7 Millionen sein. Die Impulse wurden vom Synodalen Unterausschuss für Ethik in Medizin und Biotechnik gemeinsam mit der ELKB und der Diakonie Bayern erarbeitet. Sie richten sich an Gemeinden, Einrichtungen, Angehörige und alle, die Menschen mit Demenz begleiten.
Im Mittelpunkt steht die Überzeugung: Jeder Mensch ist – auch mit Demenz – ein Geschöpf Gottes, gesehen und gewollt. Der erste Themenbereich widmet sich dem kirchlichen Leben. Er zeigt, wie vertraute Rituale Halt geben können: Psalme, Gebete, Lieder. Sie schaffen Orientierung, wo Sprache brüchig wird, und lassen Gemeinden zu Orten werden, an denen sich Betroffene weiterhin beheimatet fühlen. Kirche, so Kopp, ist eine Gemeinschaft, die Menschen hält – gerade dann, wenn sie sich selbst nicht mehr halten können.
Neue kraftvolle Offenheit
Gerade jenseits der Worte bleibt Teilhabe möglich. Eindrucksvoll zeigen das die Illustrationen der Broschüre und der Website. Sie entstanden in einem Malprojekt im Evangelischen Pflegezentrum Sendling in München – mit Menschen mit und ohne Demenz, angeleitet vom Künstler Dr. Oliver Schultz. Die Bilder greifen Motive des Psalms 23 auf und entfalten eine meditative Kraft, die jenseits kognitiver Leistung berührt.
Seit 25 Jahren arbeitet Schultz mit kreativen Projekten in diesem Feld. Seine Erfahrungen fasst er in ein starkes Bild: Unser Leben gleiche einem Raum, den wir im Laufe der Jahre möblieren – mit Gewohnheiten, Sicherheiten, Erinnerungen. „Aber die Demenz entwendet immer mehr dieser Lebensgewohnheiten und Lebensgewissheiten. Man kann sagen: Der Lebensraum wird leerer. Viel Wichtiges geht verloren. Das ist nicht einfach.“ Dazu fragt Schultz tastend: „Wächst durch den demenziell bedingten Verlust des Vertrauten auch die Offenheit für das Unvertraute? Um eine unmittelbare Begegnung vorurteilsfrei zu leben. Vielleicht ist auch das eine Erklärung für die große Vertrauensfähigkeit, die mit der Demenz einher gehen kann.“
Tiefen Rissen trotzen
Gleichzeitig reißt die Demenz tiefe Gräben. Für Angehörige und Freunde wird der Umgang oft zur Belastungsprobe. Aggressionen, Überempfindlichkeit oder Rückzug erschweren Nähe. Bedürfnisse können nicht mehr benannt werden, die Welt erscheint bedrohlich. Zu verstehen, was dahintersteht, kann helfen, das Verhalten auszuhalten – selbst wenn der Alltag an Grenzen führt.
Neben dem Entgleiten der Erinnerung müssen Demenzkranke durchaus reale Verluste verarbeiten: Stirbt eine nahe Bezugsperson, erleben Menschen mit Demenz Trauer – selbst wenn sie aufgrund ihrer Einschränkungen nicht an der Beerdigung teilnehmen können. Sie trauern, fühlen den Schmerz und brauchen Begleitung. Demenzsensible Seelsorge bedeutet hier, sich einzulassen: auf Fragmente von Erinnerung, auf Gefühle, auf nonverbale Ausdrucksformen. Wo Worte fehlen, werden Berührung, Töne oder Bewegung zu Brücken.
Neben den vertrauten Worten des Psalms 23 können ein gemeinsames Sprechen des Vaterunsers oder ein gemeinschaftlicher Vollzug altbekannter kirchlicher Rituale das Erinnern wecken und verstärken.
Die Broschüre richtet den Blick genauso auf die Angehörigen. Denn mit der Erkrankung zerbricht die vertraute Beziehung. Der geliebte Mensch verändert sich, wird unerreichbarer. Das Abschiednehmen vom geliebten Menschen geschieht auf Raten. Die immer mühsamerere Pflege und Verantwortung für den Angehörigen, der den Anforderungen oder Konventionen des Alltags immer mehr entgleitet, hinterlässt Spuren in den persönlichen Lebensumständen. Bei aller Einsamkeit oder Erschöpfung der Angehörigen ist es umso wichtiger sie wieder an Kraftquellen zu geleiten.
Das Diakonische Werk stellt Möglichkeiten der Unterstützung und Vernetzungsangebote vor. Die App „DemenzGuide“ etwa bietet weitere Horizonte an. Eine Selbsthilfegruppe bietet online einmal monatlich Treffen für Angehörige an. Und Kirchengemeinden können ihre Angebote zu diesem Thema unkompliziert online vernetzen.
So soll das Hoffnungswort des Psalms 23 erfahrbar werden. „Gott geht mit – auch dann, wenn der Weg krumm wird“, so das Fazit von Christian Kopp. „Unser Lebensweg ist nicht immer der, den wir uns wünschen. Aber wir sind nicht allein.“
Die Broschüre „Vertrauen finden im Vertrauten“ zum Schwerpunkt „Menschen mit Demenz und Kirche“ der ELKB kann kostenfrei bei der E-Mail-Adresse demenz@elkb.de bestellt werden. Oder sie steht kostenfrei auf der Website https://www.menschen-mit-demenz-und-kirche.de bereit. Dort finden sich ergänzend Materialien, Veranstaltungshinweise und Praxisbeispiele zum Thema Demenz.
Für Angehörige von Demenzkranken bietet das Evangelische Bildungswerk München Online-Module, die Hintergrundwissen und praktische Tipps für den Alltag vermitteln. Sie sind auch einzeln buchbar und finden online jeweils mittwochs von 16 bis 17.15 Uhr statt: Am 25. Februar geht es um „Demenz verstehen – Selbsterleben von Menschen mit Demenz“, am 4. März um „Kommunikation mit Menschen mit Demenz“ und am 22. April um „Entlastungsangebote für pflegende Angehörige“. Die Teilnahme ist kostenfrei. Mehr Infos und Anmeldung online unter https://www.muenchner-bildungswerk.de/veranstaltungen oder Telefon 089/54 58 05-0.
























