
Wie gerade Minderheitenkirchen Begegnungen stiften in Zeiten der Krise und Polarisierung
„Für 96 Prozent der Bevölkerung ändert sich gar nichts.“ Der Satz des damaligen österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz klang nüchtern. 2019 verlor der Karfreitag in der Alpenrepublik seinen Status als gesetzlicher Feiertag für evangelische Christen: Aus staatlicher Sicht war dies eine rechtliche Anpassung, aus wirtschaftlicher Perspektive eine pragmatische Lösung. Seitdem ist der Karfreitag nur noch ein „persönlicher Feiertag“, an dem sich Menschen zwar frei nehmen dürfen, wenn sie dies mit einem Urlaubstag bezahlen. Also so ähnlich wie der Buß- und Bettag hierzulande – der Wirtschaft geopfert, so der Vorwurf.
Für die evangelische Minderheit im Land markierte die Entscheidung jedoch einen Einschnitt. Es war „ihr“ Feiertag und zeigte ihnen auch ganz praktisch die volle Anerkennung ihrer Konfession in Österreich nach all den Zeiten der Verfolgung. Nun wurde Zugehörigkeit erneut verhandelbar.
Superintendent Wolfgang Rehner aus der Steiermark widersprach entschieden einer politischen Verkürzung. Bei seinem Vortrag in der Bildungs- und Begegnungsstätte Heiligenhof in Bad Kissingen dachte er als Vertreter der Evangelischen Kirche Österreichs A. B. darüber nach, wie „Kirchen als Orte der Begegnung“ dienen können. So lautete in diesem Jahr das Motto der Tagung, die der Evangelische Freundeskreis Siebenbürgen e.V. und das Gustav-Adolf-Werk e.V. gemeinsam ausgerichtet haben, um auch in diesem Jahr wieder nach der Tagung im Jahr 2025 einen intensiven Blick auf evangelische Minderheitenkirchen in Mittel- und Osteuropa zu richten.
Der Karfreitag, so betonte Rehner, sei für alle Menschen wichtig. Er erinnere an Leiden, an erfahrene Ungerechtigkeit, an die Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz.
Offene Räume bieten Trost
Daraus ergibt sich die spannende Frage: Kann gerade eine Minderheitenkirche mehr sein als ein Identitätsraum für eigene Mitglieder? Kann sie ein Ort der Begegnung werden?
Ein Blick in die Geschichte zeigte für Rehner, dass diese Hoffnung lange zurückreicht. Kaiser Konstantin erhob das Christentum nicht allein aus persönlicher Frömmigkeit zur Staatsreligion, sondern weil er darin eine stabilisierende Kraft für ein zerrissenes Reich sah. Das Konzil von Nicäa sollte theologische Konflikte befrieden und Einheit ermöglichen. Dabei lebt das Christentum jedoch die Spannung, einerseits verbindende Kraft und andererseits „Stachel im Fleisch“ einer Gesellschaft sein, die sich allzu behäbig im Diesseits einrichtet.
Diese Spannung prägt Kirche bis heute. Sie verfügt über Rituale, über Sprache für das Unsagbare, über Erfahrung im Zuhören und Begleiten. Bei traumatischen Ereignissen wird das besonders deutlich. Rehner berichtete von den kirchlichen Reaktionen auf den Amoklauf an einer Schule in Graz im Juni 2025. Da öffneten Kirchen Räume für Seelsorge, Gebet und Gedenken. Gewalt und Tod, so seine Überzeugung, dürften nicht das letzte Wort behalten.
Kirche bietet so Trost bei existentiellen Grenzerfahrungen – und steht zugleich vor den Mühen der Ebene. Säkulares Gedenken wächst, kirchliche Deutungshoheit schwindet. Kirche ist aufgerufen, in Bewegung zu bleiben – auch auf die Gefahr hin, Bewährtes neu zu prüfen.
Kirche versteht sich auch in der Steiermark zunehmend als Begegnungskirche. Doch auch wird immer deutlicher, wie stark Gesellschaft fragmentiert ist. Keine Gemeinde kann ohne Selbstüberforderung mehr als zwei bis vier Milieus erreichen. „Für alle da zu sein“ erweist sich als Illusion. Dennoch eröffnet dieser Befund neue Perspektiven für die Gemeindearbeit. In der Steiermark ist aus dieser Reflexion das Buch „Mit neuen Augen sehen. Milieusensible Gemeindeentwicklung“ entstanden. Es fragt danach, wie Brücken zwischen Milieus aussehen könnten: Bereits durchgeführte Aktionen wie ein Chorprojekt, neuartige Eheabende oder ein inklusives Kunstprojekt „Himmel-reich“ mit der Um-Interpretation des Kirchenraumes sind beispielhaft vorgestellt.
Bei seinen Visitationsreisen stellt Wolfgang Rehner Bürgermeistern in seiner Region regelmäßig eine einfache, aber nachhaltige Frage: „Können Sie sich Ihren Ort ohne Evangelische vorstellen?“. Sie lenkt den Blick hin zu mehr Wirksamkeit.
Polarisierung unterlaufen
Die Situation der evangelischen Minderheit in Österreich steht exemplarisch für viele Regionen Europas, in denen kirchliches Leben nicht mehr selbstverständlich ist. Auch in Mitteldeutschland stellt sich die Frage, wie Gemeinden gesellschaftlich wirksam bleiben können.
Dort greift ein Projekt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Ökumenischen Akademie Ostthüringen bewusst historische Bezüge auf: In diesem Sommer sollen „Friedensreiter“ ausgebildet werden. In der Endphase des Dreißigjährigen Krieges galoppierten sie zwischen den verfeindeten Lagern, überbrachten Botschaften und hielten Gesprächsfäden offen – während noch die Waffen sprachen.
Der dortige Akademieleiter Dr. Frank Hiddemann stellte ebenfalls in Bad Kissingen diese Impulse vor, verfeindete gesellschaftliche Lager vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt miteinander in Kontakt zu bringen. Damit sollen sie die Polarisierung der Gesellschaft unterlaufen. In Debattenrunden mit geschickten Regeln war es ihm auch bislang gelungen, sachliche Diskussionen zu führen.
In den einstigen protestantischen Kernland Sachsen-Anhalt gehören inzwischen nur noch zehn Prozent der Menschen der Evangelischen Kirche an. Sie verbindet mit der Steiermark ihre Existenz im Dazwischen – zeigt eine Kirche, die sich neu öffnet.
Dazu passt ein Bild aus Wolfgang Rehners siebenbürgischer Heimat, wo er bis 1996 lebte: Die Kirchenburgen dort waren einst Schutzräume in stürmischen Zeiten. Heute finden sie neu Beachtung – als Kulisse für Hochzeitsfotos, auch für Paare anderer Konfessionen: Damit bauen sie neue Brücken. Vielleicht liegt genau darin die Zukunft der Minderheitenkirche: als Salz, das Würze gibt – dezent genug, um zu beleben, spürbar genug, um zu erinnern. Und die Hoffnung nicht zu verlieren auf eine Welt, in der Ausgrenzung und Gewalt nicht das letzte Wort behalten.

























