Was der ungläubige Thomas uns heute lehrt

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Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus
Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus

Nachöstliches Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Raimund Kirch

Legenden darf man ruhig an­zweifeln. Wie überhaupt Zweifel a priori keine Sünde sind. Wie sonst hätte der Auferstandene sich vom Apostel Thomas die Finger in die Wunde legen lassen. Dieser Thomas (es war wohl sein Beiname, denn Thomas bedeutet eigentlich nur „Zwilling“), glaubte dem Johannesevangelium zufolge nicht an die Auferstehung. 

Erst, wenn er die Wundmale sehen könne, wolle er sich umstimmen lassen, heißt es dort. Acht Tage nach Ostern trat Jesus wieder in den Kreis seiner Jünger. Diesmal war auch Thomas anwesend. Und nun wird der zweifelnde Jünger von Jesus sogar eigens aufgefordert, die offene Wunde zu berühren – freilich mit dem leisen Tadel: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, glaubst du. Selig sind (aber), die nicht sehen und doch glauben.“ 

Auch ich bin so ein ungläubiger Thomas, beziehungsweise ein berufsmäßiger Skeptiker, was allerdings kein Nachteil für einen Journalisten sein sollte. Im Gegenteil. Skepsis ist meiner Meinung nach eine journalistische Tugend, die gepflegt werden sollte. Gerade in einer Zeit wie dieser, in der sich jede und jeder im Netz der Sozialen Medien seine eigene Wahrheit zurechtzimmern kann. 

Mit Skepsis, wie ich sie meine, ist nicht der Verdacht gemeint, von der Regierung, von Parteien, von Wissenschaft und Institutionen belogen und betrogen zu werden, wie es etwas Aids- und Coronaleugner glaubten, sondern es ist das Abwägen von unterschiedlichen Positionen gemeint; das Befragen der Wissenschaft und die Fähigkeit, sich von Vorurteilen zu lösen. 

Was nicht gegen das Vorurteil an sich spricht, es ist ja oft die Voraussetzung, sich mit einer Sache näher zu beschäftigen. Doch wie gesagt: Ein Vorurteil bedarf stets der Nachfrage und der Bereitschaft zur Korrektur. Im Journalismus, aber auch im täglichen Leben ist dies eine unabdingbare Voraussetzung. Wobei leider selten ein so eindeutiger
Beweis geliefert wird wie es dem Apos­tel Thomas geschah. 

Der soll auch nicht geglaubt haben, dass Maria leibhaftig in den Himmel aufgenommen wurde, bis ihm die Gottesmutter vom Himmel herab einen Gürtel überreichte (so eine spätere Legende). Manche Leute brauchen eben etwas Greifbares, um zu glauben. Auch dafür steht der Apostel Thomas. Und ja, man darf auch Legenden anzweifeln, doch meist haben sie ja doch einen wahren Kern.