Sammelband zu „Spuren jüdischen Lebens in Bayern“ spürt ihnen immer wieder neu nach
Es gleicht einem Wiedersehen mit alten Bekannten: Das Überblickswerk „Spuren jüdischen Lebens in Bayern“ versammelt viele Projekte zum Judentum vor Ort aus den letzten Jahren: Die Inventarisierung von Grabsteinen auf dem Jüdischen Friedhof in Schopfloch. Die Aufarbeitung von sogenannten Genisa-Funden – also von zerschlissenen liturgischen Texten in hebräischer Sprache in alten Landsynagogen Frankens.
Dieser schmale aber gehaltvolle Band krönt das Wirken einer Arbeitsgruppe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die sich seit 2021 – zu den Jubiläumsfeiern anlässlich von 1.700 dokumentierten Jahren jüdischen Lebens in Deutschland – um die reichhaltigen Spuren des Judentums in Bayern gekümmert hat.
Überregional bekannt ist die Genisa in der ehemaligen Synagoge im unterfränkischen Veitshöchheim. Sie wurde bereits 1986 bei einer Renovierung entdeckt. Es ist ein gigantisches Puzzle, um die Manuskriptfetzen wieder zu lesbaren Abschnitten zusammenzusetzen. Gute Hebräischkenntnisse sind dafür unbedingt erforderlich, aber auch unendliche Geduld und Fingerspitzengefühl. Das Projekt erforderte große Ausdauer. Seine Darstellung fand nun auch Eingang in den Sammelband.
Veitshöchheim steht aber nicht allein. Auch in anderen Landsynagogen Bayerns gab es solche Funde – etwa in Aub. Hier engagierten sich vor allem Ehrenamtliche für die Bewahrung der Funde. Sie haben bereits die Mikwe freigelegt und die ehemalige Synagoge wieder zugänglich gemacht. Das Sonntagsblatt berichtete bereits im Herbst 2018 darüber.
Denn zerschlissene Torarollen oder andere unbenutzbare hebräische Texte, die den Gottesnamen enthalten könnten, sollten nicht einfach weg geworfen werden. Sie wurden teils in den Speichern ehemaliger Landsynagogen abgelegt. Etwa in später zugemauerten Hohlräumen konnten sie die Vernichtung überdauern. Alt waren die Texte bereits, als sie dort deponiert wurden. Oft zerfielen sie weiter in unzählige Fragmente. Dennoch sind sie vielfach Zeugen von Details eines längst verblichenen Alltagslebens.
Fast noch gefährdeter sind viele Grabsteine auf ehemaligen jüdischen Friedhöfen: 124 von ihnen sind offiziell aufgelistet, so das Überblickswerk zu den jüdischen Spuren. Auch damit befasst es sich intensiv.
Susanne Klemm hat dort einen Artikel über „Die Inventarisierung jüdischer Friedhöfe durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege“ verfasst. Ihre Arbeit in Schopfloch hat das Sonntagsblatt ebenfalls vor gut fünf Jahren vorgestellt. Nun arbeitet sie für das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD). Ihre Dokumentation zum „Bet Olam“ zum „Haus der Ewigkeit“ – die jüdische Bezeichnung für einen Friedhof – ist inzwischen digital umgezogen (siehe Linkhinweise unten).
Viele Grabsteine sind aus Sandstein gefertigt – sie verwittern immer mehr. Auf vielen Friedhöfen überwuchern inzwischen oft Bäume die Gräber. Beim Wachsen sprengen sie die Grabsteine. Oder in ihrem Schatten siedeln sich gerne Moose und Flechten auf den Steinen an. Es sieht romantisch aus, zerstört aber langfristig die eingemeißelten Informationen.
In vielen Regionen des Freistaats ließen sich die Friedhöfe und Gräber vermessen und digital sichern. Neue Software kann dabei helfen, Bilder und Schriftzüge lesbar zu machen, die ein Auge nicht mehr erkennen kann. Drohnen bieten aus der Vogelperspektive zusätzliche Eindrücke. Datenbanken halten die Informationen fest. Weltweit können verstreut lebende Nachfahren darauf zugreifen und zu ihren Wurzeln forschen.
Vermittlung im Wandel
Neben der Erforschung und Sicherung solch fragiler Quellen ist aber auch die Vermittlung der Erkenntnisse immer wieder in neuen Formen nötig. Die Nürnberger Ausstellung „Siehe der Stein schreit aus der Mauer“ von 1988/89 – 50 Jahre nach der Pogromnacht – markiert da einen Beginn. Davon ausgehend zeigen die „Spuren jüdischen Lebens in Bayern“ einen Überblick zum Wandel der Vermittlungswege.
2005 wurden in Regensburg die Grundrisse der ehemaligen mittelalterlichen Synagoge am heutigen Neupfarrplatz in einer damals modernen Installation sichtbar gemacht. Gerade in der Rückschau analysiert ein Beitrag in den „Spuren“ deren Aussagekraft und Annahme übergreifend. Insgesamt erscheint diese Präsentation durchaus richtungsweisend gewesen zu sein.
Die Sanierung der ehemaligen Synagoge in Wiesenbronn bis 2011, die das Sonntagsblatt damals begleitete, begegnet auch wieder. Noch nicht in dem Sammelband enthalten ist das Mikwenhaus in der Rothenburger Judengasse. Dies zeigt, wie die Erinnerungsorte vielfältiger werden.
Dies lässt sich auch auf der Plattform des Hauses der Bayerischen Geschichte zum „Jüdischen Leben“ deutlich erkennen. Sie stößt auf immense Resonanz mit allein 100.000 Aufrufen 2024 und wird ausgebaut.
Doch das Gedenken muss immer wieder neue Formen finden. Die Arbeit in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg sieht der Leiter Jörg Skribeleit in den „Spuren“ als „Seismograph“ an. Sie ist für ihn nicht „gescheitert“, sondern „bedroht“. Ohne ein solch vielfältiges Engagement „würde unsere Gesellschaft heute noch wesentlich brüchiger dastehen, so viel ist sicher“, schließt er.
Michael Brenner, Karin Eben, Kristina Milz und Bernd Päffgen (Hg.): Spuren jüdischen Lebens in Bayern. Erforschung und Präsentation des kulturellen Erbes; De Gruyter 2025, 266 S., ISBN 978-3-11-161486-1; 79,95 Euro.
Weiterführende Links:
https://www.blfd.bayern.de/information-service/projekte/erfassung-judischer-grabmaler-in-bayern/





























