Was bleibt vom Leben in der Kirche?

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Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus
Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Raimund Kirch zu den kirchlichen Umstrukturierungen

„Sozialraumarbeit“ könnte das kircheninterne Wort des Jahres 2026 sein. Wer die Herbstsynode in Amberg verfolgt hat, weiß: Die Kirche steht vor einer Neuorganisation — nicht nur in Bayern. Wie ich jüngst einem Artikel von Gerhard Wegener, dem früheren Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, entnehmen durfte, werden die derzeit rund 12.500 Kirchengemeinden in Deutschland wohl über kurz oder lang zu 2.500 Kirchengemeinden zusammengeschmolzen. 

Die Planer versprechen sich davon mehr Effizienz, weniger Reibungsverluste, vor allem natürlich: Einsparungen. Kein Grund, darüber in Depressionen zu verfallen, meint jedenfalls Gerhard Wegener. Im Gegenteil, er verspricht sich sogar Vorteile. Geht er doch davon aus, dass sich künftig die meisten der 75.000 bisher engagierten Leitungspersonen, die in den Kirchengemeinden gewirkt und gerackert haben, nun „fröhlich“ anderen Aufgaben zuwenden können. Womit wir bei besagter Sozialraumarbeit wären. 

Ergäben sich doch nun neue, flexible Aufgaben vor Ort. Selbst wenn das Gemeindemanagement an einen anderen Ort zieht, gilt es, den bisherigen Sozialraum kreativ mit Leben zu füllen. Das heißt etwa: Die Besuchsdienste weiterzuführen oder gar aufzupeppen, Hausaufgabenhilfen zu organisieren, verbleibende Kirchengebäude und -räume zu pflegen und zu bespielen, Geschichte und Geschichten zu bewahren. Kurz: Das Leben muss weitergehen. Und es gilt Menschen zu finden, die das auch „fröhlich“ tun, wie Wegener schreibt.

Die „Sozialraumarbeit“ hat nicht das Ziel, die Gemeindegliederzahl der Kirchengemeinde zu erhöhen. Ein solch quantitatives Denken hat ohnehin längst ausgedient. Vielmehr sollte die Arbeit als ein Dienst an den Menschen gesehen werden, die bis dato wenig mit Kirche zu tun hatten, die oft auch gar nicht getauft sind. So könnten die in den Orten verbliebenen Kirchen zu Orten werden, von denen Kraft und Engagement ausgeht, unabhängig von ihrer Konfessions- und Religionszugehörigkeit.

Religiöses und soziales Engagement gehören im Christentum seit jeher zusammen. Selbst in der Urkirche begann es in der Regel mit dem Aufbau von Hospizen und Diakoniestationen, bevor es zu den ersten Taufen kam. Ein Stück weit sind wir gerade in einer ähnlichen Situation wie damals. Und das ist beileibe kein Grund zu verzweifeln.