Gebauter Glaube – gemachte Geschichte

27
Die im Jahr 1827 erneuerte Skulptur der Hunde, die den Schatz zum Dombau fanden. Fotos von Albert Ochs um 1860/70 vom Magdeburger Dom. Fotos: Borée
Die im Jahr 1827 erneuerte Skulptur der Hunde, die den Schatz zum Dombau fanden. Fotos von Albert Ochs um 1860/70 vom Magdeburger Dom. Fotos: Borée

Als Preußen das Mittelalter rettete – und sich selbst erfand: Dom-Renovierung vor 200 Jahren

Als Friedrich Wilhelm III. (1797–1840) im Herbst 1825 Magdeburg besuchte, blickte er auf einen Dom, der mehr Ruine als Ruhmeszeichen war. Mauern waren verwittert, Dächer schadhaft: Spuren von Verwahrlosung überall. Während der napoleonischen Besatzung hatte das Gottes­haus als Militärmagazin gedient, teils sogar als Schafstall. 

Dabei soll ein einfacher Schäfer im 13. Jahrhundert die Erbauung des Magdeburger Doms möglich gemacht haben – so wurde es damals dem Preußenkönig erzählt. Seine Hütehunde fanden einen Schatz, den der Hirte dann selbstlos für den Dombau stiftete. Der Beweis: eine verwitterte Skulptur mit Hirten und Tieren, in denen sich sogleich die findigen Hunde entdecken ließen.

Glauben und Geschichte

Diese Geschichte appellierte an die Verantwortung für ein überzeitliches Werk. Damit rannten die Magdeburger beim preußischen König offene Türen ein. Er reagierte schnell. Am 10. Februar 1826 griff er für die Instandsetzung tief in seine private Schatulle. Der Staat legte nach – und trug fast alle Kosten. Zwar sammelte man auch weitere Spenden in der Bevölkerung dafür, doch blieben sie weit hinter den Ausgaben zurück.

Die gotischen Kathedralen bezeugten eine scheinbar überwältigende Vergangenheit. Hoch über der Elbe gelegen und weithin sichtbar erschien der Magdeburger Dom da besonders eindrücklich. 

Mehr noch: Dort befand sich die Grablege Ottos des Großen – jenes Kaisers, der aus dem Ostfrankenreich die Grundlagen für das mittelalterliche Römisch-Deutsche Reich geschmiedet hatte, wusste man damals. Preußen erschien als legitimer Erbe einer ruhmreichen Vergangenheit. Nach dem Sieg über Napoleon suchte Preußen Halt in einer Geschichte, die größer schien als die eigene Gegenwart. Gleichzeitig verfolgte der König massiv freiheitliche „Umtriebe“ seiner Untertanen.

Ebenfalls 1826 plante auch der bayerische König Restaurierungen am Bamberger und am Regensburger Dom, doch verzögerte sich dort der Beginn der praktischen Ausführung noch um mehrere Jahre. 

Die romantische Begeisterung hielt die Gotik für typisch „deutsch“ – als Zeugnis eines einheitlichen Glaubens und Gemeinsinns. Erst in den 1830er-Jahren ließ sich schlüssig der Nachweis erbringen: Die Gotik stammte aus Frankreich – bitter für Deutschnationale.

Als Landesherr war Friedrich Wilhelm III. zugleich Oberhaupt der evangelischen Kirche. Sakrale Bauten fielen damit in seine geistliche Verantwortung. Zugleich zeigte er nicht nur hier seine persönliche Frömmigkeit.

Ziel der Baumaßnahmen am Magdeburger Dom war ein möglichst „authentisches“ mittelalterliches Erscheinungsbild. Der Innenraum neu geordnet, spätere Einbauten entfernt, Böden vereinheitlicht. In allen wichtigen Fragen entschied der Preußenkönig als Schirmherr des Projektes. 

Denkmalpflege war damit bewusste Geschichtsdeutung. Auch die Wiedereröffnung zeigte dies: 1831, genau 200 Jahre nach der Zerstörung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg. Und dies, obwohl die Baumaßnahmen noch bis 1834 weitergingen. Preußen richtete wieder auf, was feindliche Mächte ruiniert hatten. 

Der sakrale Raum wandelte sich zugleich zum historischen Monument. Begriffe wie „heilig“ und „Weihe“ verbanden sich mit einem zunehmend säkularen Denkmalverständnis. Der Dom war Gotteshaus und Geschichtsbuch sowie ein Symbol kollektiver Identität in einem.

Ab 1842 setzten die Nachfolger Friedrich Wilhelms III. die Idee fort und trieb den Kölner Dombau voran, dessen Vollendung 1880 zu einem nationalen Fest wurde.

Neue Chancen der Teilhabe

Solche Prestigeobjekte rückten die großen Kirchen ins Zentrum der Öffentlichkeit. Mehr noch: Immer bessere Reproduktionen machten ihre Ausstrahlung erfahrbar. Seit den 1820er Jahren ermöglichten etwa Lithografie und Stahlstich detailreichere Darstellungen und höhere Auflagen als der Kupferstich. Modelle ließen sich immer feiner gestalten. 

Und die aufkommende Fotografie fand in solchen Zeugnissen der Architektur dankbare Motive. Reiseführer kamen bald auf Hochtouren. Fahrten zu solchen kulturellen Höhepunkten machte die Eisenbahn viel einfacher – sie gehörten bald zum guten Ton des Bildungsbürgers. 

Doch die oft reproduzierten Bilder und die Deutungen der Reiseführer zu diesen kulturellen Pilgerfahrten lösten den Sakralraum aus seiner lokalen und liturgischen Bindung. Aus dem lebendigen Glaubensraum wurde zunehmend ein betrachtetes Kulturgut – zudem vielfach aus immergleichen Perspektiven gesehen.

So waren gerade große Kirchen bald nicht mehr nur spirituelle Orte, sondern Projektionsflächen für Geschichte, Nation und kulturelles Selbstverständnis. Heute stehen viele von ihnen erneut an der Schwelle, an der ihre Erhaltung in Frage steht – ohne geschichtsbewussten Monarchen und eine schöne Mär von einem selbstlosen Schäfer. Damit stellt sich neu die Frage, wofür diese Räume heute stehen können. Die Ideen der letzten 200 Jahre tragen nicht mehr – und das ist gut so. Vielleicht liegt ihre Zukunft weniger in einer einzigen Deutung als in dieser Mehrdeutigkeit selbst, die uns alle fordert: Kirchenräume verbinden Himmel und Erde, Gegenwart und Vergangenheit, Gemeinschaft und Transzendenz. 

Ihre Bewahrung ist nicht bloß Denkmalpflege – sondern die Entscheidung, Räume offen zu halten, in denen Menschen sich selbst, ihre Geschichte und vielleicht Gott neu begegnen können.

Schau bis zum 17. Mai im Kulturhistorischen Museum. Täglich außer montags 10–17 Uhr, am Wochenende bis 18 Uhr. 

Mehr online: https://www.khm-magdeburg.de

Katalog: Erbauung (an) der Vergangenheit: Magdeburger Dom. 49,95 Euro, 512 S., ISBN 978-3-7319-1535-5.