Sei leise! – Von wegen!

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Ruhestörung, die nach Hilfe sucht

Es geschah aber, als er (Jesus) in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth, gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Lukas 18,35–43

„Sei leise, wenn wir gleich in der Kirche sind. Da darf man nicht rumschreien!“, sagt die Mutter zu ihrem fünfjährigen Sohn. „Halt endlich den Mund! Du nervst mich mit deinem immer selben Gequatsche!“, fährt der Mann seine Ehefrau an. „Pssst, im Unterricht darf man nicht reden!“, ermahnt die Lehrerin die Zweitklässlerin.

Schweigen, leise sein, sich anpassen, sich zusammenreißen – das wird oft von uns Menschen gefordert. Und dann staut es sich an, tief drinnen in mir, so dass ich manchmal einfach nur noch laut schreien möchte: „Mist!“ oder „Ich kann nicht mehr!“. Doch sowas macht man ja nicht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Also nehmen wir uns zusammen und zurück. Fressen viel in uns rein.

Ganz anders hat es ein Mann gemacht, der Jesus begegnet ist: „Jesus!“, schreit er ganz laut mitten durch die Menschenmenge hinein. Alle drehen sich rum. „Oh man, wie peinlich der ist! Sowas geht echt nicht!“, denken sich Viele. „Halt den Mund! Hör auf so rumzuschreien! Jesus hat was anderes zu tun!“, sagen manche. Doch der Mann bleibt hartnäckig und schreit weiter: „Jesus! Hilf mir! Erbarme dich meiner!“ 

„Erbarme dich meiner!“, so haben die Leute im Römischen Reich dem Kaiser zugejubelt, wenn er vorbeigeschritten ist. Und das sagt, ja schreit, der blinde Mann Jesus zu. Er weiß: von ihm kommt Hilfe, Rettung, meine Heilung. Also schreit und schreit es so laut er kann, gegen alle Benimmregeln und Widerstände. „Sei leise!“ – „Von wegen!“

Ich wünschte ich wäre öfters wie dieser Mann damals. Mich nicht einschüchtern lassen von dem, was sich halt so gehört. Ich wünschte, ich würde öfters meinem inneren Drang nachgeben und laut schreien: wenn ich mal wieder beobachte, wie Menschen andere Menschen schlecht behandeln, weil diese nicht ins eigene Weltbild passen. 

„Jesus, hilf mir“ – dem Mann wird geholfen: Er kann sehen. Manchmal lohnt es sich, wenn man laut schreit, es aus der Seele herausschreit was belastet. Egal, was die anderen sagen.

Stephanie Mages, Pfarrerin in München

und landeskirchliche Beauftragte für Kirche und Sport der ELKB

Gebet: Gott, wenn ich nicht den Mund halten kann, weil ich nur noch laut schreien möchte – manchmal vor Freude, manchmal vor Wut – dann bist du da. Du verpasst mir keinen Maulkorb, sondern hörst zu. Danke dir dafür und danke, dass du zu mir sprichst. Liebevoll. Beruhigend. Ermutigend. Amen.

Lied EG 251: Gibt uns Ohren, die hören