Freier Entschluss – im Schatten der Angst?

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Chefredakteurin Susanne Borée, Hintergrundbild von Erich Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über den Assistierten Suizid von Chefredakteurin Susanne Borée

Die Entscheidung fällt meist leise. Ohne Schlagzeilen, ohne Öffentlichkeit. Ein Mensch sagt: Es reicht.

235 Menschen sind 2024 allein in Bayern bei einem Assistierten Suizid gegangen. So eine trockene Meldung des Landesamtes für Statistik in Fürth – vom epd aufgenommen . Seit das Bundesverfassungsgericht Anfang 2020, kurz vor Corona, das Verbot der geschäftsmäßigen Suizidhilfe (die auch Ärzte betraf) kippte, steigt die Zahl. In dem Jahr der Pandemie waren es neun entsprechende Fälle – trotz Lockdown und Epidemie. 2021 bis 2023 insgesamt 307 Fälle – Tendenz schon da steigend.  

Nun wollen Bundestagsabgeordnete fraktionsübergreifend einen neuen Versuch zur Regelung unternehmen – so schnell wie möglich. Doch während in Berlin diskutiert wird, entscheiden Menschen längst – meist ältere und fast zwei Drittel Frauen. Die meisten Menschen, die so aus dem Leben schieden, litten an Demenz, Parkinson oder Multipler Sklerose oder Krebs. Sie hatten einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten, waren unheilbar krank. Psychische Erkrankungen waren hingegen selten.

Ist das gelebte Selbstbestimmung? Wie frei ist ein Entschluss, der im Schatten der Angst wächst: zur Last zu fallen, würdelos zu erscheinen? Wer will schwach sein in einer Welt, die Stärke vergöttert?

Moderne Palliativmedizin kann auch heftige Schmerzen immer effizienter lindern, ohne dass Menschen unbedingt nur noch am Rande des Bewusstseins dahindämmern müssen. Hospize schenken Begleitung, wo Worte fehlen. Und doch bleibt eine Frage, die tiefer reicht als jede Statistik: Reicht medizinische Fürsorge gegen Einsamkeit? Gegen das Gefühl, überflüssig zu sein?

Menschen brauchen Beziehung und Zuspruch. Sie brauchen das Gefühl, gewollt zu sein – auch wenn sie nicht mehr schlucken können. Wenn sie inkontinent sind. Wenn sie keine Kraft mehr haben, sich selbst gegen Verwahrlosung zu stemmen. Wenn sie ihre Angehörigen nicht mehr erkennen oder sie aggressiv attackieren, während diese bei der Betreuung am Limit sind. 

Pflegekräfte ebenso – in Heimen, die immer teurer werden und dabei zu wenig Personal finden. Kein Wunder, dass gerade Frauen das nicht durchstehen wollen! Wo schreit da die Kirche hörbar auf? Nicht nur für diese Passionszeit gilt: Leidende Menschen schon strukturell offenbar nicht mehr lebenswert zu begleiten, das erscheint mir die wirkliche Zumutung dieser Zahlen!