Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zu Jesu Bildwort über den Weinstock
Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Johannes 15,1–8
Als Kind war ich regelmäßig zu Gast in der Christusbruderschaft Selbitz. Schon beim Betreten des Gästehauses spürte ich: Hier betrete ich eine andere Welt. Die Schwestern in ihren grauen Kleidern und weißen Schleiern, der besondere Duft, die schlichte Ästhetik und die wohltuende Stille – Ruhe für Augen und Seele. Begegnungen in den Fluren, das gemeinsame Essen und die liturgischen Gesänge in der Kapelle sind mir bis heute lebendig geblieben. Wenn ich die Augen schließe, tauche ich noch immer in diese Atmosphäre ein und finde Ruhe.
Meine Patin Sr. Elisabeth sagte, Christus sei für sie wie ein Bruder und seine Liebe der Mittelpunkt ihres Lebens. Obwohl auch ich von Jesus begeistert war, konnte ich lange nicht verstehen, wie er zum Lebensmittelpunkt werden kann. Für mich waren es Familie und Freunde. Erst als Jugendliche begann ich zu ahnen, dass Jesus mich auf geheimnisvolle Weise mit dem Himmel verbindet. Diese Verbindung zu halten, gehört seitdem zu meinem Glaubensalltag und gibt mir Orientierung.
Der Weinstock mit den Reben zeigt: Alles, was wir sind und tun, entspringt der Kraft Gottes. Selbst in schweren Zeiten bleibt Christus Halt. Seine Kraft fließt in unser Leben hinein. Sich auf ihn zu besinnen, gerade wenn wir verzweifelt sind, kann tragen und innerlich aufrichten. Doch wie bleibe ich verbunden? Im Alltag, der mich ablenkt und fordert? Wie bleibe ich dran an seiner Kraft?
Hanna Hümmer, die Gründerin der Christusbruderschaft, lebte aus einer tiefen Christusbeziehung. Zwischen Vertrauen und Krisen hörte sie immer wieder neu auf Christus und wagte Schritte. Ihre Spiritualität inspiriert viele bis heute.
Menschen sehnen sich nach einer tieferen Wirklichkeit. Johannes schreibt in unsicheren Zeiten: Wir gehören schon jetzt zu Gott. Diese Hoffnung weitet unseren Blick.
Und doch kennen wir Zeiten, in denen uns der Glaube abhandenkommt. Wenn christliche Geschichten schal schmecken und Gewissheiten bröckeln, dann fühlen wir uns wie verdorrte Reben.
Gerade dann gilt: Die Verbindung zu Christus ist ein Geschenk. Wir dürfen immer wieder neu zu ihm zurückkehren. Dranbleiben heißt nicht, die perfekte Christin zu sein. Es heißt, die Verbindung nicht abreißen zu lassen. Und vielleicht ist genau das der Kern des Glaubens: Nicht stark zu sein – sondern verbunden zu bleiben.
Dr. Claudia Häfner, Dekanin in München
Gebet: Jesus Christus, du bist unser Bruder. Wir gehören zu dir. Du gehst uns mit offenen Armen entgegen. Wenn unser Kontakt zu dir abreißt, verlieren wir die Orientierung. Gib uns Halt und Ruhe – morgens, mittags und abends. Dass wir Frucht bringen und die Welt zu einem besseren Ort machen, weil wir in deiner Liebe zuhause sind. Amen.



























