Mütterlicher Trost

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über die weibliche Seite Gottes

Freuet euch mit Jerusalem … alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. … Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet … Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Jesaja 66,10–14 i. A.

Was ist das für ein wunderbares, friedvolles Bild für Gottes Trost in einer brüchigen Welt, die täglich weiter zu zerbrechen scheint. Wir sollen satten Säuglingen gleichen, die auf dem Arm getragen und auf dem Knie mit einem Hoppereiter unterhalten werden. Aller Mangel wird gestillt sein; nichts wird fehlen. Wir werden der Welt mit freudigem Lächeln und Glucksen begegnen, weil uns alle freundlich und mit sanfter Stimme begegnen.

In den anglikanischen Kirchen wird er als Muttertag gefeiert: ein Tag, an dem die mütterliche Seite Gottes besonders in den Blick kommt. Oft erleben wir das Gegenteil. Statt Fülle spüren wir Mangel, statt Getrostsein eine Leere. „Rahel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder; denn es ist aus mit ihnen.“ (Jeremia 31,15). 

Rahel, Jakobs Frau, hatte zwei Söhne, Josef und Benjamin. Beide Kinder lebten. Und doch wird geredet von Kindern, die gestorben sind. Es könnten die Fehlgeburten aus der Zeit vor der Geburt des Josef gewesen sein. Sie haben in Rahel eine Leere hinterlassen, die bleibt. Rahel klagt stellvertretend für alle Mütter- und Väter-, die ihre Kinder verloren haben. Sie klagt um die Kinder, die gestorben sind: in Kriegen, durch Hunger, Krankheit, Missbrauch, politische Verfolgung. Sie klagt um die Kinder, die in der Shoah getötet wurden und all jene, deren Namen nicht genannt sind. 

Dieser Schmerz kann nicht gestillt werden, nicht durch Ablenkung und auch nicht durch spätere Kinder. Die Leere bleibt. Und Gott? Gott weint mit. Gott verweigert sich dem schnellen Trost. Aber Gott tröstet, weil er die Leere und Verzweiflung kennt. Das ist unsere Hoffnung.

Paul Gerhard findet Worte für diese Hoffnung: „Du füllst des Lebens Mangel aus mit dem, was ewig steht.“ Noch ist der Mangel da. Aber Gott verheißt in die Klage: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Ihr werdet’s sehen und euer Herz sich freuen.“ Sein Trost und seine Freude kommen am Ende der Zeit, und schon jetzt, da und dort: wenn ein Augenblick erträglich wird, wenn sich doch ein Lächeln auf die Lippen stiehlt, wenn uns Schlaf geschenkt wird und ein Weg sich vor unsere Füße legt.

„Freuet euch mit Jerusalem.“ „ Ich will euch trösten, wie eine Mutter tröstet.“

Eva Forssman, Pfarrerin für „Kirche mit Kindern“, Nürnberg

Gebet: Gott, Mutter,

du hast mich geboren

in das Licht dieses Morgens.

Schöpfer, Ursprung jeden Atemzugs,

du bist mein Regen, mein Wind, meine Sonne.

Christus, Mutter, du hast meine Menschlichkeit angenommen,

mir deine lichtvolle Speise gegeben.

Korn des Lebens, Weinbeere der Liebe. Du bist leibhaftig mein Frieden.

Geistkraft, Mutter, du Nährende,

halte mich in deinen geduldigen 

Armen, dass ich im Glauben 

wurzle und wachse,

bis ich blühe, bis ich erkenne. Amen.

Nach Juliana von Norwich (übertragen von Eva Forssman)