Vom Basar zur globalen Bewegung

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Johanna Haberer nach ihrem Festvortrag mit Inge Rühl, der Vorsitzenden der GAW-Frauenarbeit. Foto: Borée
Johanna Haberer nach ihrem Festvortrag mit Inge Rühl, der Vorsitzenden der GAW-Frauenarbeit. Foto: Borée

175 Jahre Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk: Jubiläumsfeier mit feinen Zwischentönen

„Nein, nicht einfach abschneiden!“ Nachhaltigkeit war selbst beim Auspacken ihres „Geschenks“ zum 175. Jubiläums der Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk (GAW) Ende April in Leipzig wichtig: Die Clowninnen Gertrud und Matilde (alias Elke Markmann und Dr. Luise Metzler) begrüßten mit viel Witz und feinem Gespür für Zwischentöne die rund 130 Frauen und eine Handvoll Männer. Ihr sperriges Paket widersetzte sich zunächst beim Auswickeln hartnäckig allen Bemühungen. 

„Wer hat denn das verpackt?“, stöhnte Gertrud. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Die Frauen vom GAW – sie sind gründlich.“ Ein Satz, der zugleich augenzwinkernd und anerkennend gemeint war. Denn dieser scheinbar lockere Auftakt zum Festprogramm verknüpfte hintersinnig Vergangenheit und Gegenwart, Feierlaune und weitere Impulse miteinander. 

Als schließlich ein riesiger aufblasbarer Globus unter dem Geschenkpapier zum Vorschein kam, konnte das Publikum selbst aktiv werden: Rote Klebepunkte markierten Orte weltweit, an denen Frauenarbeit des GAW wirkt, Projekte bestehen und Netzwerke gewachsen sind. Ein dichtes Geflecht entstand – sichtbar gemacht durch viele Hände. 

Die Clowninnen staunten: „Gibt es interessante Frauen dabei?“, wollten sie auch noch wissen. „Alle Frauen sind interessant“, so die klare Antwort. Ein Blick in die GAW-Geschichte unterstrich das: Im Jahr 1851 gründete Adele Dorn in Berlin gemeinsam mit Mitstreiterinnen einen „musikalischen Frauenverein zum Besten der Gustav-Adolf-Stiftung“. Mit Benefizkonzerten und dem Basarverkauf ihrer Handarbeiten sammelten sie äußerst erfolgreich Spenden – oft mehr als die männlich dominierten „Haupt“-Vereine. Diese wollten bald durchsetzen, dass die Frauenvereinigungen nur „ergänzende“ Funktion haben und sich ganz auf die weiblichen „Spezialitäten“ konzentrieren sollten.

Dennoch traf die Bewegung einen Nerv: 1862 gab es bereits 175 Gruppen, im Jahr 1900 waren es 604. Sie trugen die Idee weltweiter Solidarität früh in die Praxis.

Heute steht die Frauenarbeit vor neuen Herausforderungen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird das Sammeln von Spenden schwieriger, zugleich eröffnen digitale Formate neue Wege der Begegnung. „Da kann ich ja mit Frauen aus Brasilien Solitär spielen“, bemerkte Gertrud scheinbar naiv – und traf damit doch einen Kern.

Paulus überschritt Grenzen

An diese Spannung von Aufbruch und Gegenwind knüpfte Johanna Haberer in ihrem Festvortrag an. Während ihres Pfarrdienstes in Thessaloniki erlebte sie selbst dort vor allem ältere, alleinstehende Frauen in bitterer Armut. „Es ist etwas anderes, ob ich es theoretisch weiß oder mit eigenen Augen gesehen habe.“ Sie knüpfte enge Kontakte zur GAW-Frauenarbeit, deren Jahresprojekt denselben Schwerpunkt hatte.

Gleichzeitig nutzte sie die Monate in Griechenland, um sich noch einmal neu mit den Paulusbriefen zu beschäftigen. Am umstrittenen Satz „Die Frau schweige in der Gemeinde“ (1. Kor 14,34) zeigte sie, wie sehr spätere Traditionen den ursprünglichen Impuls überlagert haben könnten. Ihr Fazit: Dieser Vers passe nicht zur paulinischen Botschaft von Gleichheit, wie sie in Galater 3,28 formuliert ist: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

Aktiv habe der Apostel Frauen als stabilisierendes Element in die Gründung von Leitung von Gemeinden mit einbezogen. Erst spätere Generationen hätten nach Haberer dies wieder eingeschränkt – ein „Rollback“ als Rückkehr zu einem vorherigen Zustand.

Ein Begriff, der auch die Gegenwart charakterisiert. Weltweit geraten Frauenrechte unter Druck, oft im Schatten politischer und religiöser Konflikte. Auch konservativ-christliche Milieus würden liberale Errungenschaften – und die aktive Teilhabe von Frauen – zunehmend infrage stellen, merkte sie an. 

Gleichzeitig stehen Frauen vor widersprüchlichen Erwartungen: Sie sollen hochqualifiziert arbeiten und zugleich traditionelle Rollen erfüllen – ein kaum auflösbares Spannungsfeld. Haberer plädierte dafür, diese Herausforderungen aktiv zu gestalten. Auch die sogenannte Care-Arbeit – Fürsorge für andere – sei etwas Wertvolles: Vorausgesetzt, dass Frauen selbst über die genaue Ausgestaltung entscheiden. 

Zugleich warnte Haberer vor neuen Verengungen. Nicht nur in den USA etwa beobachte sie eine Verschiebung hin zu stark männlich dominierten, religiös aufgeladenen Machtstrukturen. 

Gleichzeitig gebe es auch Frauen, die durch eine Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern diese Entwicklungen unterstützten. Oder sich an äußerlicher Selbstoptimierung orientieren, um mit möglichst wenig eigenen Mühen von reichen Gönnern ausgehalten zu werden – und dann unter Ausbeutung leiden.  

Aktive Gestaltung kam spät

Gerade diese Anfragen Johanna Haberers führten bei der Jubiläumsveranstaltung der GAW-Frauenarbeit anschließend zu kontroversen Diskussionen. Denn deren Selbstverständnis hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewandelt – auch wenn sie lange nicht die Speerspitze der Frauenemanzipation darstellte. Erst 1966 erhielten Frauen in Westdeutschland einen ordentlichen Sitz in der Mitgliederversammlung. Erst damals konnten Frauen Mitglied im Vorstand werden – in der damaligen DDR sogar noch später.

Inzwischen orientiert sich die GAW-Frauenarbeit deutlich an der Freiheit, die Paulus beschreibt: Nicht als Ergänzung bestehender Systeme und Traditionen, sondern als eigenständige Kraft. Oder, wie es die Clowninnen Gertrud und Matilde zugespitzt formuliert hatten: Damit auf den Altären nicht „nur Jungs“ stehen. So will sich die GAW-Frauenarbeit nicht mehr von ihrem aktiven Mitgestalten und ihrem nachhaltigen Einsatz abschneiden lassen – um urchristliche Traditionen trotz moderner Herausforderungen weiter zu verwirklichen.

Mehr zur GAW-Frauenarbeit und Ihrer Geschichte:

https://www.gustav-adolf-werk.de/frauenarbeit_mitmachen.html 

Einblicke in aktuelle Projekte der GAW-Frauenarbeit folgen.