Wie Kirchen ihre Zukunft neu erfinden und den Horizont bei der Nutzung erweitern
Zu viele Kirchen für zu wenige Christen: Vor dieser Situation stehen die bayerischen Katholiken und Protestanten gleichermaßen. Landesbischof Kopp und der frühere Bamberger Erzbischof Schick setzen auf die Energie der Ortsgemeinden.
Wir müssen erst über den Wert von Kirchen sprechen, bevor wir über ihre Verwertung sprechen“, so der ehemalige Bamberger Erzbischof Ludwig Schick bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Fachtagung „Gotteshaus, Denkmal, Kostenfaktor – Wer und was bestimmt wirklich über die Zukunft der Kirchen?“ Die Zukunft von Kirchen und Gemeinden werde oft in Zahlen diskutiert: sinkende Mitgliederzahlen, steigende Kosten, weniger Geistliche – für Schick zu eng.
Allein in der Evangelischen Kirche in Bayern sank die Zahl der Mitglieder zwischen 2024 und 2025 um fast 60.000 oder rund 2,8 Prozent, wie aktuell gemeldet wurde. Doch der bayerische evangelische Landesbischof Christian Kopp gab sich bei den Kirchengebäuden gelassen: „Wir befinden uns in einem Wandel, aber das ist nicht der erste in der Geschichte der Kirche.“ Er ergänzte: „In Kirchen ist schon immer alles Mögliche passiert.“ Die Energie für ihre Zukunft müsse vor allem vor Ort entstehen: „Die Menschen müssen wir aktivieren – und damit stehen wir erst am Anfang.“ Damit bezog er sich auch auf die weiteren Überlegungen der Tagung zur Umnutzung von Kirchen, wozu es auch bereits einige gelungene Beispiele gab.
Schick wiederum erinnerte daran, dass Kirchen historisch nie nur Orte für Gottesdienste gewesen seien. „Kirchen hatten immer verschiedene Funktionen: Verkündigung, Heilung, Caritas.“ In den vergangenen Jahrzehnten habe man sie jedoch zu stark auf die Liturgie reduziert. Dabei steckt im Wort „Kirche“ selbst eine doppelte Bedeutung: Es bezeichnet das Gebäude ebenso wie die Gemeinschaft. Der Wert eines Sakralraums daher auch im Bezug auf das Leben der Gemeinde und im Dienst für andere.
Während seiner Amtszeit habe er wie angekündigt keine einzige Kirche geschlossen, berichtete Schick. Häufig hätten lokale Initiativen geholfen, Gebäude zu erhalten. Sein Rat lautet deshalb: „Schließt keine Kirchen, die wir noch brauchen.“
Auch aus wissenschaftlicher Sicht lohnt ein neuer Blick auf Kirchenräume. Der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards wies darauf hin, dass viele Kirchen nur wenige Stunden pro Woche genutzt würden. Rein wirtschaftlich erscheine ein Gebäude dann schnell als Belastung – nach der zynischen Formel: „Kirche ist Grundstückswert minus Abbruchkosten.“ Doch diese Rechnung greife zu kurz. Gerade Menschen ohne Kirchensteuerbindung schrieben Gotteshäusern oft einen hohen immateriellen Wert zu. Dieser Erfahrung stimmte auch Christian Kopp zu.
Darin liege eine Chance für die Gemeinden, sagte Gerhards. Kirchen könnten Räume sein, „in die Menschen kommen“ – etwa für Begegnungen oder kulturelle Angebote. Selbst eine Büchertauschbörse könne in einer Kirche Platz finden, solange die besondere Atmosphäre des Raums erhalten bleibe.
Auch für Schick steht fest: Wenn Gemeinden den Wert ihrer Kirchen neu entdecken und sie stärker für das Gemeinwohl öffnen, könnten viele Gotteshäuser länger erhalten bleiben, als derzeit erwartet. „Dann haben sie eine gute Zukunft.“ Gleichzeitig warnte er vor immer größeren Pfarreien: „Da verliert man die Ehrenamtlichen vor Ort.“ Die Quadratur des Kreises bestehe darin, größere organisatorische Strukturen zu schaffen und zugleich die lokalen Gemeinden zu stärken.
Auch ökumenische Lösungen könnten helfen. Schon früher habe es oft Simultankirchen gegeben, die von mehreren Konfessionen genutzt wurden. Für Kopp ist das eine gute Perspektive. Viele Wege zu einer wertvollen Zukunft für die Kirchen sind für ihn denkbar. Um die Gebäude habe er „noch keine einzige Nacht wach gelegen“.



























