Hoffnung bleibt – auch wenn Licht ausgeht

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Carina Ines Schmidt und Liudmila Schnabel beim GAW-Jubiläum. Fotos: Borée
Carina Ines Schmidt und Liudmila Schnabel beim GAW-Jubiläum. Fotos: Borée

Lebenslinien: Kirche im Wandel weltweiter Realitäten– Pfarrerinnen im globalen Dialog

Sie sah Senioren im Gottesdienst zusammenbrechen. Ihr Kreislauf versagte, da sie zuvor fünf, sechs Kilometer trotz des heißen kubanischen Wetters zu Fuß zur Kirche gekommen waren. Da zog Pfarrerin Liudmila Schnabel eine pragmatische Konsequenz: erst essen, dann beten. So begann sie die Sonntage mit einem soliden Frühstück für die Gläubigen.

Beim 175. Jubiläums der Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk (GAW) Ende April in Leipzig war sie mit dabei. Denn seit 2024 arbeitet Liudmila Schnabel als Pfarrerin im brandenburgischen Nauen. Sie ist verheiratet mit Dr. Patrick Roger Schnabel, damals Beauftragter für den Kirchlichen Entwicklungsdienst und Menschenrechte im Berliner Missionswerk. Inzwischen wirkt er bei der EKD. 

Die Heimat Liudmila Schnabels geriet aktuell erneut in die Schlagzeilen: US-Präsident Trump verschärfte Anfang 2026 die Blockade gegen Kuba und ließ vor allem Öllieferungen blockieren. Doch der Sonneninsel ist nicht erst in den letzten Wochen die Energie ausgegangen: Seit der Machtübernahme 1959 ließ die verkrustete Führung des Castro-Clans das Land erstarren. Bereits in den 1990er Jahren brachen massive wirtschaftliche Probleme auf – zu groß die Abhängigkeit von der Sowjetunion, die damals zerbrach. 

Wer konnte, suchte Arbeit woanders. Auch Liudmilas Vater ging damals in die USA, als sie fünf Jahre alt war. Die Mutter erzog als Lehrerin auch die beiden Töchter praktisch allein. „Sie war ein Beispiel für uns“, erinnert sich Liudmila. Erst zehn Jahre später konnte ihr Vater zurückkehren. Familie, das hieß für Liudmila früh: Nähe trotz Entfernung – noch ohne Internet. Seit ihrer Jugend war sie in der Presbyterianisch-Reformierten Kirche aktiv. Kirchenälteste ihrer Gemeinde begleiteten sie bei ihrer Taufe als Paten. 

Bald übernahm die Jugendliche als Teamerin Verantwortung bei Sommercamps. Theologie studierte sie an einer gemeinsamen Ausbildungsstätte ihrer Kirche mit Baptisten, Quäkern und damals auch noch Anglikanern. Und am Wochenende gehörten Gemeindeeinsätze zum Studium, um die Seelsorgenden zu entlasten. 

Mit 26 Jahren war sie Pfarrerin – eine der ersten Frauen in ihrer Kirche. Unter den rund elf Millionen Kubanern gibt es 15.000 reformierte Gläubige. Auch hier engagierte sich Liudmila Schnabel neben ihrer Gemeindearbeit bald zusätzlich für Kinder, Jugendliche und Familien. Sie organisierte besonders Sommercamps und Freizeiten. Und sie war bald stellvertretende Leiterin (Moderatorin) ihres Kirchenkreises in Zentral-Kuba. 

Obwohl das „Büro für Religiöse Angelegenheiten“ der Kommunistischen Partei Kubas immer noch Kirchen kontrolliert und Auslandskontakte genehmigungspflichtig sind, bereitete Liudmila Schnabel junge Freiwillige aus Deutschland auf ihren Einsatz in Kuba vor. Sie band sie intensiv in die Gemeindearbeit mit ein. „Und mehrere begannen anschließend Theologie zu studieren.“ 

Spätestens während der Corona-Pandemie verschärften sich die Wirtschaftslage erneut dramatisch. Kirche blieb oft der letzte stabile soziale Ort – aber unter prekären Bedingungen. Liudmila Schnabel hat da schnell gelernt lösungsorientiert zu handeln. Sie betreute inzwischen eine Gemeinde in der Altstadt Havannas – die zunehmend verfiel. Gerade die schmalen Renten von Senioren hielten schon längst nicht mehr mit der Inflation Schritt. Deren Familien sind längst ausgewandert. Die Pfarrerin sah immer mehr Menschen, die im Müll nach Resten suchten.

In Nauen begegnet Liudmila Schnabel heute einer anderen Realität: Der akute Mangel ist geringer geworden, doch die Instandhaltung der Dorfkirchen ihrer Gemeinde bleibt eine große Herausforderung – und die Resignation wächst. Dennoch bleibt ihr weiter wichtig, nahe bei den Menschen zu sein. Sie besucht auch hier intensiv ältere Menschen. Und sie begleitet zugleich eine ungewöhnlich große Konfirmandengruppe von rund 20 Jugendlichen – für Brandenburg eine Seltenheit. 

Gleichzeitig bleibt ihr Blick dabei weiter auf Kuba gerichtet: Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, verschärft durch die US-Blockade, legt das Land weiter lahm. Ohne Energie keine Suppenküche. Ohne Strom keine Kühlung: Die oft mühsam besorgten Lebensmittelvorräte verderben. Auch Gemeinde- oder Jugendtreffen sind immer schwieriger, wenn die Infrastruktur versagt. 

Doch es gibt Lösungen, die klein beginnen: Solaranlagen auf Kirchendächern. Natürlich müssen die Module auch erst einmal auf die Insel kommen. „Da gibt es Wege“, so Liudmila Schnabel. Sie brauchen keine riesigen Öltanker. Mit der Konfirmandengabe 2026 – und darüber hinaus – unterstützt dies auch das GAW: Damit Kirchen wieder Hoffnungsorte sein können – selbst wenn das Licht ausgeht.

Spendenkonto beim GAW Bayern: VR-Bank Mittelfranken West; IBAN: DE65 7656 0060 0000 0245 54; BIC: GENODEF1ANS

Glaubensarbeit auf langen Wegen

Viele mühsame Kilometer auf staubigen Straßen – stundenlange Autofahrten prägen ihren Arbeitsalltag. Carina Ines Schmidt (Foto oben links), Pfarrerin der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB) betreut im Südosten ihres Heimatlandes, im Grenzgebiet zu Uruguay und Argentinien fünf Gemeinden. Sie liegen insgesamt 380 Kilometer auseinander, erzählt sie beim GAW-Jubiläum. „Ich wohne in der Mitte“, berichtet sie weiter. „Ein Wochenende betreue ich die Gemeinden in die eine Richtung – und am nächsten Wochenende in die andere Richtung.“

Dabei kann sie ihre Gemeindemitglieder einzeln zählen: Exakt 252 Getaufte Menschen seien es.Die IECLB ist mit gut 610.000 Kirchenmitgliedern landesweit dennoch eine der größten protestantischen Kirchen Südamerikas. Viele von ihnen haben deutsche Wurzeln, auch Schmidt selbst. Ihre Oma sprach noch einen Hunsrücker Dialekt. Doch Schmidt lernte Deutsch als Fremdsprache. Als Studentin betreute sie eine Emigrantin, die Deutschland während des Zweiten Krieges verlassen hatte, und lernte bei ihr Deutsch.

2008 kam Schmidt für zwei Jahre über das GAW nach Deutschland und sammelte erste Erfahrungen in einer Diakoniestation im Taunus. Heute stärkt sie trotz begrenzter Mittel und starker Konkurrenz zu den wachsenden Pfingstkirchen ihre Gemeinden durch Bildung, Schulungen und kreative Ideen um Einnahmen zu erzielen. Dazu war der Ausbau der Gemeindeküche wichtig: zum Backen und Brutzeln für Gemeindefeste – und zum Verkauf von Speisen zur Finanzierung ihrer Arbeit. Vom GAW erhielt sie dafür vor kurzem 5.000 Euro.