Konflikte um die Kanzel

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Lebenslinien: Der lange Weg der Frauen ins Pfarramt in zwei lutherischen Kirchen Osteuropas

Zwischen Flucht und Neuanfang, zwischen den Kontinenten, zwischen Kaltem Krieg und kirchlicher Hoffnung spannt sich das Leben von Austra Reinis. Beim Jubiläum der GAW-Frauenarbeit blickte sie eindrücklich und voller Energie zurück auf Jahrzehnte voller Umbrüche. Geboren wurde sie in den USA als Tochter lettischer Emigranten, die 1945 vor Stalins heranrückenden Truppen geflohen waren. Ihre Schulzeit verbrachte sie in Deutschland.

Auch ihr Studium führte sie über Grenzen hinweg: Wirtschaftswissenschaften in den USA, lettische Sprache und Literatur in Schweden, schließlich Evangelische Theologie wieder in Amerika. Bei ihrer Ordination 1991 schien die Geschichte auf ihrer Seite zu sein: Die baltischen Staaten gewannen ihre Unabhängigkeit: Die Hoffnung auf einen kirchlichen Neuanfang nahm Gestalt an.

Die Neugier „auf die lettischen Wurzeln“ führte sie dorthin zurück. Zunächst wirkte sie als Dorfpfarrerin unweit der Ostsee, 170 Kilometer westlich von Riga. Bereits 1975 waren in der Lettischen Evangelisch-­Lutherischen Kirche drei Frauen ordiniert worden. Weitere waren gefolgt. 

Doch nicht mehr lange: Anfang 1993 wurde der 35-jährige Janis Vanags zum Erzbischof der Lutherischen Kirche gewählt. Er verweigerte die Ordination von Frauen, „da sie nicht der Bibel entspricht“. Pfarrerinnen, die bereits in Amt und Würden waren, konnten zunächst weiter in ihren Gemeinden arbeiten.

1995, zwanzig Jahre nach der ersten Frauenordination, organisierten die Theologinnen eine große Jubiläumsfeier. Zwei der Pionierinnen von 1975 waren noch am Leben, so Reinis. Fast gleichzeitig „gründeten wir außerdem den Theologinnenkonvent“, berichtet sie. Durch „Beziehungen“, so erinnert sie sich weiter, fand die Feier sogar im Rigaer Dom statt. Alle Theologinnen und viele Kirchenvertreter aus dem Ausland kamen – sowie zwei Theologiestudenten aus Riga. Die eigene Kirchenleitung glänzte mit Abwesenheit. 

„Kurz vor Weihnachten“ 1995 erhielt Reinis dann Post aus dem Konsistorium: Ihre Gemeindetätigkeit sei „nicht mehr zweckgemäß“. 

Sie fand jedoch eine Nische und wechselte zunächst als Do­zentin für Kirchengeschichte an die Theologische Fakultät in Riga. Schließlich berief die „Missouri State University“ im mittleren Westen der USA sie zur Dozentin für Religionswissenschaften. Bis zu ihrer Pensionierung 2022 wirkte sie dort. Dann zog es sie aus familiären Gründen nach Wittenberg. 

Stille Frauenarbeit blieb

2016 beschloss die Synode der Lettischen Evangelisch-­Lutherischen Kirche mit einer Dreiviertelmehrheit eine Änderung der Kirchenverfassung: Sie beschränkte den Pfarrdienst auf Männer. Frauen konnten danach nur noch als „Evangelistinnen“ tätig sein: Faktisch leiten sie dennoch oft eine Kirchengemeinde – jedoch ohne die Sakramente austeilen zu dürfen. Sie arbeiten oft mehr oder weniger ehrenamtlich oder nebenamtlich mit einem anderen Broterwerb im Hintergrund. „Solange sie still sind, lässt man sie gewähren“, meint Austra Reinis. Schließlich gibt es vor Ort kaum genug Seelsorgende. 

Gleichzeitig entstanden neue Wege. Die „Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands Weltweit (ELKLW)“, ursprünglich als „Kirche Lettlands im Ausland“ für Geflüchtete, ordiniert weiter Frauen. Von 2015 bis 2025 leitete sie gar Lauma Zuševica als Erzbischöfin – vom US-amerikanischen Milwaukee aus.

Vanags Kirche orientiert sich stattdessen an bibelkonservativen lutherischen Strömungen in den USA und lehnte die europäischen Kirchen als zu liberal ab. So verließ sie die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE). Gleichzeitig ist ihr die enge Gemeinschaft mit der konservativen „Lutheran Church – Missouri Synod“ wichtig. Sie steht auch dem bekenntnistreuen „International Lutheran Council“ (ILC) nahe. Während der Sowjetzeit stärkte es sicherlich viele Christen, kirchliche Tradition möglichst unverändert zu bewahren. Allerdings ist die Schwesterkirche im benachbarten Estland offener.

Ende August 2025 übergab Janis Vanags sein Amt als Erzbischof an seinen Nachfolger, Rinalds Grants. Dieser hatte sich ebenfalls gegen die Frauenordination ausgesprochen. 

Dennoch feierte im September 2025 der Theologinnenkonvent, in dem Austra Reinis weiter leitend aktiv ist, mit vielen Gästen „50 Jahre Frauenordination“ in Lettland sowie sein 30-jähriges Gründungsjubiläum. 

Weg zur Öffnung in Polen

Währenddessen entschied sich die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen für Öffnung. Am 7. Mai 2022 ordinierte der Leitende Bischof Jerzy Samiec – früher selbst ein Gegner der Frauen­ordination – neun Pfarrerinnen. „Alles hat seine Zeit und heute ist die Zeit der Freude“, erklärte er.

Ein historischer Einschnitt: Auch diese Feier beendete eine jahrzehntelange Debatte nach einem mühsamen Weg: Seit 1999 konnten Frauen in Polen als Diakoninnen arbeiten, Gottesdienste leiten und taufen. Seit 2016 durften sie auch das Abendmahl feiern. Doch die Leitung einer Gemeinde blieb ihnen verwehrt – was immer schwerer zu begründen war. Erst der Synodenbeschluss von 2021 löste diese Spannung auf. 

Für Theologinnen wie Elzbieta Byrtek ist das mehr als ein kirchenrechtlicher Schritt. Die Pfarrerin war ebenfalls beim Jubiläum der GAW-Frauenarbeit mit dabei. Sie lehrt gleichzeitig an der Christlichen Theologischen Fakultät in Warschau. Diese ökumenisch ausgerichtete Hochschule in staatlicher Trägerschaft bietet Studiengänge in evangelischer, orthodoxer und altkatholischer Theologie sowie Sozialwissenschaften an – und setzt auf interreligiösen Dialog.

Auch die Arbeit von Wanda Falk, Direktorin der Diakonie lutherischen Kirche in Polen, mit Menschen in schwierigen Lebenslagen zeigt, wie eng Glauben und Verantwortung verbunden sind. Bei „Katastrophen, Krieg, Epidemien, Einsamkeit, Sinnlosigkeit des Lebens oder Ungewissheit über die Zukunft brauchen wir einander und können nicht gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer bleiben“, erklärt sie. Aktives Eintreten dagegen „ist nicht nur ein tägliches Zeugnis unseres in der Liebe aktiven Glaubens“, sondern sollte „das christliche Leben in Versöhnung und Frieden prägen“.

Zwei Länder, zwei Wege. Austra Reinis lebt heute in Wittenberg. Ein Ort, der wie kaum ein anderer für kirchliche Reformen steht. Ihre eigene Geschichte zeigt, wie mühsam Veränderung sein kann. Sie wird fortgeschrieben – auch in den Biografien der Frauen, die nicht bereit sind, ihre Berufung aufzugeben.