Der zweite Blick öffnet Fenster

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern für ein genaueres Hinsehen

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an (…) das ganze Volk, das Nebukadnezar (…) nach Babel weggeführt hatte. So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels (…): Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte (…) Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. (…)

Aus Jeremia 29,1–10

Es war einmal eine Stadt namens Schilda. Die Bürger waren sehr klug. Könige holten sie als Ratgeber. Immer mehr kluge Köpfe fehlten der eigenen Stadt. Da kamen die Bürger auf eine Idee: „Wir stellen uns dumm, dann will uns keiner mehr!“ So begann die Geschichte der Schildbürger, wie wir sie heute kennen. Auf den ersten Blick wirkt dies dumm. Auf den zweiten Blick erkennt man: Sie wollten das Beste für ihr Schilda.

Zur Zeit des Propheten Jeremia sitzt Israel unfreiwillig in Babylon. Er überrascht, wenn er sagt: „Suchet der Stadt Bestes.“ Die Israeliten sollen das fremde Babylon nicht zum Wartesaal ihres Lebens machen, sondern Verantwortung übernehmen. Zukunftshoffnung führt nicht zum Rückzug, sondern zum Handeln im Heute. Dabei spricht der Prophet vom „Suchen“. Er sagt nicht: „Ihr wisst, was das Beste ist.“ Es gilt, nicht zu meinen, alles zu wissen, sondern genau hinzuschauen und andere Perspektiven wahrzunehmen.

Auch unsere Welt ist komplex. Beim Verkehr geht es zugleich um Klima, Arbeitswege und Geld. Stadt­entwicklung bezieht sich neben Wirtschaft auch auf soziale Fragen oder Umwelt. Einfache Lösungen wirken auf den ersten Blick attraktiv.

Der Denker Edgar Morin sprach vom „komplexen Denken“. Er wollte Dinge nicht isoliert betrachten, sondern als Teil und Ganzes im Blick behalten. „Suchet“ meint, offen zu sein. Nicht alles schon zu wissen. 

Der erste Blick reicht nicht immer. Es geht für mich darum, aufmerksam zu bleiben: „Was sieht ein anderer, was ich nicht sehe?“ „Ist meine erste Einschätzung wirklich die ganze Wahrheit?“ Und: „Braucht es vielleicht einen zweiten Blick?“

Zurück zu den Schildbürgern. Sie bauten ein neues dreieckiges Rathaus. Als sie hineingingen, war es innen stockdunkel. Also packten sie Licht in Säcke – und trugen alles ins Rathaus, damit es hell werde. Nichts passierte. Sie sammelten umso emsiger. Trotzdem blieb es dort dunkel.

Guter Wille allein reicht nicht. Wenn etwas nicht funktioniert, mache ich nicht selten einfach mehr von dem, was ich ohnehin schon tue. Vielleicht braucht es einen zweiten Blick. Die Schildbürger entdeckten einen Spalt voll Licht in der Mauer. Und plötzlich begriffen sie, was ihrem Rathaus fehlte: Fenster. 

„Suchet der Stadt Bestes.“ Das ist kein Auftrag an Menschen, die schon alles wissen. Es ist die Einladung, genau hinzuschauen. Vielleicht auch ein zweites Mal. Denn manchmal öffnet erst der zweite Blick ein Fenster. 

Dr. Manuél Ceglarek, Dekan in Bayreuth, Region Nordost

Gebet: Gott, gib uns offene Augen und bewahre uns vor schnellen Urteilen. Hilf uns zu sehen, was guttut.