
1676 zeigten sich wie in einem Brennglas Wege zu neuem Glaubens- und Weltverständnis
Die Bibel und der Glaube sollten wieder mehr im Mittelpunkt stehen: Vor genau 350 Jahren sorgte diese Vorstellung für leidenschaftliche Diskussionen – gerade in der weltläufigen Handelsmetropole Frankfurt am Main. Bereits im Herbst 1675 hatte der dortige Pfarrer Philipp Jakob Spener (1635–1705) eine umfangreiche Denkschrift unter dem lateinischen Namen „Pia Desideria“ (Fromme Wünsche) in den Druck gegeben: Sie war bald Stadtgespräch.
Und sie schien ihrer Zeit voraus zu sein: Denn sie trug schon die Jahreszahl 1676. Damals entfaltete sie richtig ihre Wirkung, weit über Frankfurt hinaus. Darin forderte Spener einen Neuaufbruch – so dass sich eine Vorstellung seiner Gedanken zum Reformationsfest 350 Jahre später lohnt. Mehr noch: Auch an anderen Stellen erscheint 1676 wie ein Wendejahr: Damals bündelten sich wie in ein-
em Brennglas Wege zu einem neuen Glaubens- und Weltverständnis.
Aufbruch im Glauben
Schon seit 1670 hatte Spener in Frankfurt kleine Gesprächskreise eingerichtet. Pfarrer und Gemeindemitglieder lasen dort gemeinsam die Bibel und tauschten sich darüber aus. Auch Laien konnten da ihre Glaubenserfahrungen weitertragen. So gab er Luthers Lehre vom Priestertum aller Gläubigen eine weit gefasste Bedeutung: Christsein sollte nicht am Kirchenausgang enden.
In der „Pia desideria“ bündelte der Frankfurter seine Überlegungen: Die Bibel sollte stärker ins Zentrum rücken. Gemeinden sollten Menschen fördern, die ein christliches Leben ernsthaft verwirklichten. Ihr Beispiel könnte weitere Kreise ziehen, hoffte Spener. Er wollte bessere Predigten und eine Kirche, in der mehr Menschen Verantwortung übernahmen. Obwohl er auch Senior des lutherischen Predigerministeriums in der Mainmetropole war, konnte er seine Ideen wohl nicht einfach durchsetzen. Aber er stellte sie so zur Debatte.
Damit wandte er sich gegen die lutherische Orthodoxie seiner Zeit. Sie hatte Luthers Lehre systematisch ausgearbeitet und die Bekenntnisse gegen andere Konfessionen verteidigt. Doch gelehrte Streitfragen, so Speners Einwurf, verdrängten zu oft die Frage, wie der Glaube das Leben präge. Also etwas weniger Rechthaberei – gerade zwischen verschiedenen Glaubensauffassungen. Seine Gegner hielten ihm entgegen, gerade jetzt brauche es klare Lehre und feste Ordnung.
Denn der Dreißigjährige Krieg war kaum eine Generation vorbei. Seine Verwüstungen waren vielerorts noch sichtbar, die Erinnerung an Gewalt, Hunger und Unsicherheit lebendig. In dieser Lage konnte die Sorge vor einer Aufweichung des Bekenntnisses schwer wiegen.
Spener wiederum hoffte auf bessere Zeiten für die Kirche – nicht erst im Himmel, sondern schon im Lauf der Geschichte. Diese Hoffnung leitete er aus der Bibel ab. Sie war kein moderner Glaube an stetigen Fortschritt: Die Zukunft lag für ihn in Gottes Hand. Doch die Gegenwart musste nicht unverändert bleiben.
Vollständig neue Ideen formulierte er nicht – doch legte er die Grundlagen für einen neuen Aufbruch im Leben der Evangelischen – für den „Pietismus“, der bald darauf an Fahrt aufnahm. Die „Pia Desideria“ war auch ein Angebot: ein Weg, wie Glaube und Bekenntnis, persönliche Frömmigkeit und kirchliche Ordnung einander stärken könnten, statt sich zu ersticken. Ob aber die Kirche zwischen beiden Polen eine Balance halten konnte, das blieb auch 1676 eine offene Frage.
Vermächtnis des Vertrauens
Und sie stellt sich gerade beim Nachdenken über eine Person, dessen Lieder und Leben diese Erfahrungen beispiellos verkörperten: Paul Gerhardt (*1607), der im Mai desselben Jahres 1676 verstorben war. (vgl. Sonntagsblatt 21/2026). Seine Lieder waren da längst verbreitet.
Sie waren zunächst auch zur Privatandacht vorgesehen – geben aber persönlicher Glaubenserfahrung, Trost, Bitte und Dank erheblichen Raum. Sein geistliches Vermächtnis verband persönlichen Glauben und praktische Nächstenliebe mit dem Festhalten am lutherischen Bekenntnis. Gerade im Umfeld des Pietismus wurden sie später zum gemeinschaftlich gesungenen Kirchenlied.
Zudem hatte der Dichter noch Anfang 1676 sein „Testament“ für seinen einzigen überlebenden Sohn verfasst: eine geistliche und sittliche Lebensanweisung. Gerhardt empfahl ihm ein Theologiestudium, warnte vor Geiz, forderte Selbstbeherrschung und mahnte seinen Sohn, anderen Gutes zu tun, auch ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Seine knappe Lebensregel lautet: „bete fleißig, studire was Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich“.
Zugleich mahnte er zur konfessionellen Standfestigkeit und Beständigkeit im Glauben. Nicht erst mit dem Pietismus begann der Glaube persönlich zu werden. Vorhandene Traditionslinien erhielten neue gemeinschaftliche Formen und einen kirchlichen Reformauftrag.
Neuordnung der Welt
Ende 1676 sollte noch eine ganz andere Persönlichkeit an ihrem späteren Bestimmungsort ankommen: Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) reiste von seinem letzten Studienort Paris nach Hannover. Finanzielle Engpässe hatten ihn bewogen, dort endlich trotz vorheriger Absagen die Stelle als Hofbibliothekar anzunehmen.
Allerdings ließ er sich dabei Zeit: Er reiste über London. Dort traf er den Gelehrten Henry Oldenburg – heute eher unbekannt. Doch über ihn entwickelten sich auch Kontakte zu Isaac Newton. Und er traf in Den Haag den Philosophen Baruch Spinoza. Seine Reise markiert eine Station unterwegs zur frühen Aufklärung.
In Hannover entwarf Leibniz bald ein neues Weltbild aus einfachen geistigen Einheiten – und mit der Theodizee jenes Werk, das bis heute Trost suchenden Glaubenden Antwort geben will: Wie lässt sich das Übel in der Welt mit einem guten und allmächtigen Gott vereinbaren?
Seine Antwort – Gott habe die beste aller möglichen Welten geschaffen – hat die Theologie seither herausgefordert. Daneben wirkte er als Historiker, Diplomat und politischer Berater. Nicht genug damit: In der Mathematik entwickelte er die Grundlagen der Infinitesimalrechnung und des binären Zahlensystems, auf dessen Basis viel später die Computer rechnen lernten.
Drei sehr unterschiedliche Lebenslinien, die sich in einem Jahr 1676 trafen. Doch verbindet sie das Bestreben nach Erneuerung: Wie lassen sich erstarrte Systeme überwinden? Und wie können Menschen angesichts von Verlust und Tod – deren größte Schrecken sie gerade überlebt hatten – wieder vertrauen und verantwortlich leben?
– Richard van Dülmen: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit III: Religion, Magie und Aufklärung; Beck-Verlag.
– W.-F. Schäufele: Kirchengeschichte II; Evang. Verlagsanstalt.




























