Was trägt noch heute beim Start ins Leben?

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Im Juli 2026 wurden in einem festlichen Gottesdienst im Münster Heilsbronn sieben Religionspädagoginnen und Religionspädagogen rund um Ausbildungsleiterin Sarah Schäfer eingesegnet. Foto: RPZ
Im Juli 2026 wurden in einem festlichen Gottesdienst im Münster Heilsbronn sieben Religionspädagoginnen und Religionspädagogen rund um Ausbildungsleiterin Sarah Schäfer eingesegnet. Foto: RPZ

Seit 50 Jahren begleiten Relpäds junge Menschen am Beginn ihres Weges zum Lebenssinn

„Was trägt mich?“. Diese Frage stellen heute auch Jugendliche, die kaum einen Bibeltext kennen. „Die religiöse Vorbildung der Kinder und Jugendlichen hat sich deutlich geändert“, beobachtet Sarah Schäfer. Natürlich brächten viele Schülerinnen und Schüler inzwischen „kaum etwas“ an religiöser Sozialisation mit – zugleich sei das Spektrum ihrer Erfahrungen breiter geworden. Für die Ausbildungsleiterin im Religionspädagogischen Zentrum (RPZ) Heilsbronn ist das kein Grund zum Klagen, sondern eine Chan­ce: Wo Vorwissen fehlt, entsteht Raum für Fragen.

Seit vier Jahren begleitet Schäfer am RPZ Religionspädagoginnen und -pädagogen – kurz Relpäds – im Vorbereitungsdienst und in der „Fortbildung in den ersten Dienstjahren“ (FRED). Zuvor war sie zehn Jahre in Schwaben in ähnlicher Funktion tätig und arbeitete drei Jahre im Landeskirchenamt. Insgesamt blickt sie auf 28 Berufsjahre zurück. Das ist mehr als die Hälfte, seit es das Berufsbild der Relpäds auf der evangelischen Landkarte Bayerns gibt. Im November wird die Berufsgruppe 50 Jahre alt.

Räume für große Fragen

Eine der wichtigsten Aufgaben sieht Schäfer heute darin, die Nachwuchskräfte „sprachfähig“ zu machen für Fragen, die sich nicht einfach beantworten lassen: Woran glaube ich? Was ist ein gutes Leben? Woher kommt Hoffnung? Was bedeutet der Tod? Relpäds müssen darauf nicht die eine richtige Antwort geben. Sie sollen Gespräche eröffnen, unterschiedliche Positionen aushalten und jungen Menschen helfen, eigene Antworten zu suchen.

Das geschieht längst nicht nur im Klassenzimmer. Relpäds verbinden Schule und Kirche, arbeiten in Gemeinden, entwickeln Bildungsangebote oder übernehmen Aufgaben in überregionalen Diensten und Werken. Auch in der Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge sind sie tätig. 

Ein kurzer Blick zurück erklärt, woher dieses Berufsbild kommt. Ende der 1960er-Jahre entstand in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern die Idee, wissenschaftliche Ausbildung und schulische Praxis eng miteinander zu verbinden. Zuvor standen entweder Pfarrer oder Katechetinnen vor den Klassen. 1972 startete in Neuendettelsau und München ein neuer Studiengang für sie. Vier Jahre später begann der Vorbereitungsdienst für die ersten Relpäds. 1998 war dieser Weg einer der Gründungsstudiengänge der Evangelischen Hochschule Nürnberg.

Mehr als 1.500 Relpäds haben seither ihr Studium abgeschlossen. Rund 600 stehen heute im aktiven Dienst der Landeskirche. Etwa 480 davon unterrichten an Schulen. Gemeinsam erreichen sie einen großen Teil der mehr als 300.000 Schülerinnen und Schüler, die in Bayern evangelischen Religionsunterricht besuchen. Und ebenso viele weitere junge Menschen in Gemeinden und kirchlichen Bildungsangeboten. Aus einem Ausbildungsexperiment ist damit eine Berufsgruppe geworden, die kirchliches Leben weit über die Schule hinaus mitprägt.

Dabei verändert sich auch der Religionsunterricht selbst. Wo Schülerinnen und Schüler mit sehr unterschiedlichen religiösen Erfahrungen zusammenkommen, reicht es nicht mehr, nur die eigene konfessionelle Tradition zu vermitteln. Gefragt sind Formen, in denen Beheimatung und Begegnung zusammengehen.

Ein Beispiel ist der konfessionell-kooperative Religionsunterricht. Zwei Modelle gibt es dafür –  je nachdem, ob eine Konfession vor Ort in der Minderheit ist oder beide etwa gleich stark ihre Kräfte bündeln: „RUmeK“, der „konfessionelle Religionsunterricht mit erweiterter Kooperation“, und „KoRUk“, der „Konfessionelle Religionsunterricht kooperativ“.

Die Namen sind sperrig, die Idee dahinter ist einfach: Schülerinnen und Schüler sollen die eigene Tradition kennenlernen und zugleich erfahren, dass andere Glaubenswege existieren. Nicht Abgrenzung steht im Mittelpunkt, sondern ein Unterricht, der Unterschiede sichtbar macht und Gespräch ermöglicht.

Der Wandel bleibt

Die Herausforderungen wachsen allerdings. Die Zahl der Studierenden in der Religionspädagogik sinkt. In diesem Sommer schlossen nur sieben Relpäds den Vorbereitungsdienst ab. Doch der Bedarf wird nicht weniger: So müssen viele Relpäds mehrere Schulen und größere Regionen abdecken. 

Auch innerhalb der Kirche verschieben sich Aufgaben. Regionalgemeinden entstehen, Berufsgruppen arbeiten enger zusammen, Zuständigkeiten werden neu verteilt. Wer Relpäds nur vor der Tafel sieht, übersieht deshalb einen wesentlichen Teil ihres Berufs. Sie sind ebenso mit der öffentlichen Wortverkündigung beauftragt und können auch das Abend­mahl austeilen. Angesichts des Wandels gewinnt diese Möglichkeit zusätzlich an Bedeutung.

Relpäds kennen Schule und Lebenswelt junger Menschen. Sie er­leben, was Jugendliche beschäftigt, und bringen diese Perspektive in viele kirchliche Arbeitsfelder ein. Schäfer wünscht sich für die von ihr begleiteten Nachwuchskräfte daher vor allem, „dass sie die Möglichkeit haben, ihre eigenen Gaben und Talente einzubringen“ – und dass Schulen, Gemeinden und Kirchenvorstände ihnen dafür den nötigen Raum geben.

Manche Relpäds erwerben gar Zusatzqualifikationen: Besonders gefragt ist die Weiterbildung zur Schulseelsorge. Dahinter steht eine Erfahrung aus dem Schulalltag: Jugendliche sprechen im Unterricht manchmal über Dinge, die weit über den Unterricht hinausreichen. Lebensfragen sprengen die Grenzen des Fachs. 

Was am Ende trägt

Das 50-jährige Jubiläum ist deshalb mehr als ein Blick zurück, sondern auch nach vorne. Unter dem Motto „Wir.bilden.mehr.als.Kirche“ treffen sich am 20. November in Nürnberg die Relpäds zur Jubiläumsfeier. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Entwicklungen in Religion, Schule und Gesellschaft. Eine Ausstellung blickt auf ihre Geschichte zurück. Den Höhepunkt des Festaktes bildet ein Festgottesdienst in der Reformations-Gedächtniskirche: Da würdigt Landesbischof Christian Kopp ihre Aufgaben.

Die Frage nach dem tragenden Sinn wird die Relpäds auch künftig begleiten – im Klassenzimmer ebenso wie in der Gemeinde. Dort „sprachfähig“ zu sein, bedeutet für Sarah Schäfer nicht, möglichst schnell eine Antwort parat zu haben. Die Relpäds begleiten junge Menschen beim Start ihrer Suche nach Lebenssinn. Dieser Weg kann im Klassenzimmer beginnen. Aber er ist größer als jede Unterrichtsstunde. Und er endet nicht mit dem Klingelton.