Wenn die Nacht nicht das letzte Wort hat

15
Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über den Tag des Herrn

Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 

Aus 1.Thess 5,1-6

KI – Der Geist ist aus der Flasche“; „Sicherheitsforscher hält das Risiko, dass KI die Menschheit innerhalb der nächsten zehn Jahre auslöschen könnte, für höher als zehn Prozent.“

Jetzt ist es die KI, die die Menschen das Ende fürchten lässt. Davor haben uns andere Endzeit-Szenarios beunruhigt: Hitzetod, die ökologischen Probleme, Artensterben, Atomwaffen. Und tatsächlich macht sich in unseren Tagen, auch angesichts politischer Verunsicherung, End­zeit-Stimmung breit.

Was haben wir als Christen dazu zu sagen? – Einerseits: ja, diese Welt geht auf ein Ende zu. Zwar erleben wir immer wieder den Kreislauf der Jahreszeiten. Aber die Bibel sieht die Zeit nicht im Bild eines Kreises, sondern einer Spirale. Sie dreht sich zwar auch wie ein Kreis – aber sie nähert sich im Drehen einem Ziel. 

Paulus spricht vom „Tag des Herrn“ als Ziel der Geschichte. Wir sprechen ja auch in jedem Gottesdienst im Glaubensbekenntnis davon, dass Christus kommen wird. Beim Abendmahl verkündigen wir „den Tod des Herrn, bis er kommt“. Das sind ehrwürdige Formeln unserer Tradition. Was soll das bedeuten? 

Die Sehnsucht des Paulus richtet sich auf ein großes Ziel: Am Tag des Herrn wird alles ganz anders werden. Die vergängliche Welt hört auf. Alle Machtverhältnisse werden neu. 

Jetzt haben das Böse und der Tod immer noch große Macht über die Menschen. Und die Mächtigen dieser Erde glauben immer noch, dass sie unser Schicksal bestimmen. Doch damit können Christen nie zufrieden sein. Wir warten auf den Tag des Herrn; und darauf, dass dann das Sinnlose unseres Lebens einmal aufhört. Dass wir nicht mehr gegen all das anglauben müssen: gegen Leid und Krankheit, den Krebs, Not und Tod. Dass wir nicht mehr zu Gott sagen brauchen: „Dennoch bleibe ich stets an dir“ (Psalm 73). Sondern ihn schauen dürfen, wie er ist. 

Es gibt nicht wenige Menschen, die der Meinung sind, dass sich Ungerechtigkeit und Bosheit der Menschen im Gang der Geschichte ganz von selbst rächen. Sie warten auf kein Jüngstes Gericht mehr. Aber weder die Weltgeschichte noch die Lebensgeschichte jedes Einzelnen geht so glatt auf. Der wiederkehrende Christus, sagt Paulus, wird das Verborgene ans Licht bringen. 

Warum stürzt der Gedanke an den Tag des Herrn und damit an das Gericht uns aber nicht in eine tiefe Angst? Weil der Richter Jesus heißt. Auf ihn dürfen wir vertrauensvoll blicken. Wir kennen den Zeitpunkt des kommenden Gerichts nicht. Aber wir vertrauen darauf, dass Jesus für uns eintritt. Dass er dann zum Vater sagt: „Auch für diesen Menschen bin ich gestorben. Nimm ihn auf in dein
ewiges Reich.“ Dem gehen wir entgegen. Das macht uns nicht gleichgültig im Blick auf die Probleme unserer Zeit. Im Gegenteil: Als Kinder des Lichts setzen wir uns für Gottes Welt ein, bis zuletzt – aber nicht angstgetrieben, sondern hoffnungsfroh.

Klaus Schlicker, Dekan in Windsbach und Mitglied der Landessynode

Gebet: Gott, wir bitten dich, hilf uns, dass wir wachsam leben, diese Welt in Verantwortung vor dir gestalten und voller Hoffnung deinem Tag entgegengehen. Amen.