Zwischen Klassenzimmer, Cloud und Kirche

15
Dr. Jürgen Belz und das Heilbronner Münster. Fotos: Borée & epd/M
Dr. Jürgen Belz und das Heilbronner Münster. Fotos: Borée & epd/M

Wie das RPZ Heilsbronn religiöse Bildung und Fortbildung in Zeiten des Umbruchs gestaltet

Weniger Mitglieder, weniger Schülerinnen und Schüler, weniger Religionspädagoginnen und -pädagogen: Der Wandel der Kirche ist auch im Klassenzimmer spürbar. Das Reli­gionspädagogische Zentrum (RPZ) Heilsbronn sieht darin einen Auftrag: „Gerade in dieser Situation kommt dem religionspädagogischen Auftrag neue Bedeutung zu“, sagt RPZ-Leiter Dr. Jürgen Belz im Gespräch mit dem Rothenburger Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern.

2025 verzeichnete die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) bei ihren Mitgliedern ein Minus von 2,8 Prozent. Die Zahl an Religionslehrkräfte ist dabei stabil. So unterrichteten im Schuljahr 2025/26 ca. 2.300 kirchliche und ca. 3.700 staatliche Lehrkräfte mit Vocatio. Laut Belz besuchen in Bayern noch rund 300.000 Schülerinnen und Schüler den evangelischen Religionsunterricht, 650.000 den katholischen und etwa 450.000 den Ethikunterricht. 

Die Zahl der evangelischen Schülerinnen und Schüler gehe gerade aus „demografischen Gründen“ leicht zurück, sagt Belz. Zugleich beobachte er, dass „Eltern anderer religiöser Herkunft das Angebot des ev. Religionsunterrichts wertschätzen“ rund 20% der Schülerinnen und Schüler nehmen laut der landeskirchlichen Statistik auf Antrag am Unterricht teil.

Wo eine Konfession zu wenige Kinder für eine eigene Lerngruppe hat, braucht es neue Formen der Zusammenarbeit. Für Grund- und Mittelschulen in Regionen mit wenigen evangelischen oder katholischen Schülern entwickelten die Bildungsverantwortlichen der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche einen „Religionsunterricht mit erweiterter konfessioneller Kooperation“ (RUmeK): Eine Lehrkraft der Mehrheitskonfession unterrichtet nach dem Lehrplan ihrer Konfession eine konfessionell gemischte Klasse. Begleitet wird sie, wenn möglich von einer Fachkraft der Minderheitskonfession, die als Expertin oder Experte in bis zu zwölf Unterrichtsstunden pro Jahr mitwirkt.

Dabei will Belz keineswegs die Unterschiede zwischen den Konfessionen einebnen. Seine Leitidee ist eine „konfessionssensible Religionspädagogik“: „Es geht darum, das Gemeinsame
zu betonen und entsprechend wertschätzend hervorzuheben, welche Besonderheiten die jeweilige Konfession hat.“ Begegnung soll im Bewusstsein eigener Tradition stattfinden und das Verständnis für andere Konfessionen fördern.

Digitalisierung grenzenlos

Wie das RPZ auf Veränderungen reagiert, zeigt sich auch beim digitalen Wandel. Mit dem Experten Dr. Jens Palkowitsch-Kühl entwickelte das Zentrum in den letzten Jahren digitale Lernmöglichkeiten weiter und beteiligt sich gemeinsam mit der staatlichen Lehrerbildung an der „Bayern Cloud Schule“. Das eröffne neue Möglichkeiten für die digitale Fortbildung von Lehrkräften, sagt Belz. In geschütztem Rahmen sollen Schülerinnen und Schüler auch einen verantwortungsvollen Umgang mit Künstlicher Intelligenz einüben. 

Zugleich befindet die kirchliche KI „Eloki“ noch in der Entwicklungsphase. Auch hier erproben kirchliche Mitarbeiter die Einsatzmöglichkeiten. In einem Erasmus-Projekt erprobt das RPZ mit Schulen in Finnland, Slowenien und Bayern, wie die KI Lernprozesse von Studierenden in den Bereichen frühkindliche Bildung und Pflege fördern kann. Davon profitiert etwa auch die Rummelsberger Fachakademie, die mit ihren Studierende an dem Projekt beteiligt ist. Zusammen mit dem Referenten für berufliche Schulen, Sebastian Bernoth-Schneider, und Dr. Jens Palkowitsch-Kühl wird er einen ethischen Kompetenzrahmen für den Einsatz von KI in schulischen Lernprozessen entwickeln. 

Für Fortbildungen setzt das RPZ auch auf eine Online-Plattform und digitale Angebote, um mehr Menschen zu erreichen. Das Medienportal der Evangelischen Medienzentrale unterstützt mit qualitativ hochwertigen Materialien die religionspädagogische Arbeit in Schulen und Gemeinden. Zudem will das Team des RPZ mit dem Ausbau digitaler Fortbildungsangebote Menschen in der Familienphase erreichen, die wenig Zeit für Präsenzveranstaltungen haben. Auch im Bereich der konfessionellen Kooperation nutzen die Beteiligten eine digitale Plattform, um sich miteinander zu vernetzen. Die digitale Community km 10 bietet einen Raum für Austausch und Information.

Wenn sich Kirchenstrukturen verändern, ist Vernetzung gefragt. Die Fusion evangelischer Gemeinden und Dekanate in Bayern sieht Belz als Her­ausforderung und Chance zugleich. Gemeinsam mit Christian Stuhlfauth von der Wirkstatt Nürnberg unterstützt das RPZ mit einem Fortbildungsangebot für Schulreferentinnen und -referenten deren Arbeit.  Weiter will das Zentrum die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen in den künftigen Regionalgemeinden stärken – abgestimmt mit anderen Anbietern der ELKB wird der Schwerpunkt des RPZ in der Stärkung der Bildungsdimension sein, so Belz.

Im Mittelpunkt stehen praktische Fragen: Was können „RelPäds“ ins Team einbringen? Wie lässt sich die Zusammenarbeit aufbauen? Auch die Verbindung von Konfirmandenarbeit und schulischem Religionsunterricht gehört dazu. Das RPZ arbeitet dabei mit weiteren Bildungsorten zusammen, etwa mit der Wirkstatt und der Ev. Erwachsenenbildung in Bayern.

Das Haus in Heilsbronn ist mit eigenen Fortbildungen gut ausgelastet, sagt Belz. „Aber externe Gäste sind immer willkommen.“ Vor allem an Wochenenden und in den Ferien nutzen Gruppen aus Gemeinden oder Posaunenchöre und Orchester die Gelegenheit, intensiv gemeinsam zu proben.

Weiter Blick hinaus

Auch über Bayern hinaus ist das RPZ vernetzt. Mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern steht das Zentrum im Austausch und reiste gemeinsam nach Moritzburg in Sachsen. Die aktuellen Entwicklungen in Sachsen-Anhalt verfolgt das RPZ aufmerksam. Die Partner wollen die dort durch angekündigte Mittelkürzungen der AfD bedrohte Akademiearbeit „neben dem geistlichen Zusammenhalt“ auch praktisch unterstützen, sagt Belz. Das RPZ setzt sich auch für demokratische Bildungsprozesse in Kirche und Zivilgesellschaft ein. Dazu erschien 2024 eine Jahrespublikation mit dem Titel Demokratiebildung.

Der Austausch umfasst auch fachliche Debatten. In Niedersachsen wird der Religionsunterricht unter dem neuen Namen „Christliche Religion“ erteilt. Der Vorwurf, das Fach verdränge Jesus zugunsten von Klimaschutz, Gender und Islam, sei sachlich nicht haltbar, sagt Belz. Er befürchtet, dass die Lehrplandebatte für einen politischen Kulturkampf instrumentalisiert wird. Die neue Fassung sei über mehr als 20 Jahre im ökumenischen Dialog entwickelt, modellhaft erprobt und wissenschaftlich begleitet worden. „Die Reli-Lehrkräfte vor Ort machen gute Arbeit“, sagt der RPZ-Leiter.

Auch auf die Landessynode blickt Belz gelassen: „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit den Synodalen im Bereich Bildung.“ Der Wandel ist rasant. Das Religionspädagogische Zentrum Heilsbronn sieht darin seinen Auftrag – und ist dafür gut aufgestellt. Susanne Borée

Der Jahresband 2024 der RPZ-Bildungswelten ist beim Claudiusverlag bestellbar. Der Band 2026 zum Thema Konfessionssensible Religionspädagogik erscheint voraussichtlich im November. Mehr dazu: https://www.rpz-heilsbronn.de/bildungsbereiche/evangelische-bildungsverantwortung/bildungswelten-impulse-aus-dem-rpz-heilsbronn

Mehr Infos zu Tagungen im RPZ sowie Anfragen: https://www.rpz-heilsbronn.de/tagungshaus bzw. Tel. 09872/509-0 oder -145.