Am „Versunkenen Ort“ neue Anfänge wagen

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Pfarrerin Almut Klose am Llanquihue-See im Süden Chiles. Foto: privat
Pfarrerin Almut Klose am Llanquihue-See im Süden Chiles. Foto: privat

Lebenslinien: Wie Pfarrerin Almut Klose in Chile zwischen den Welten Brücken baut

Wenn am Ufer des Llanquihue-Sees die Wolken tief über dem Wasser hängen und sich die schneebedeckten Vulkane auf der Oberfläche spiegeln, scheint die Welt bald hinter dem Horizont zu enden. Das indigene Volk der Mapuche nannte den See „Llanquihue“ – den „versunkenen Ort“. Für Almut Klose begann dort jedoch Neues. Nach dem Jubiläum der Frauenarbeit beim Gustav-Adolf-Werk (GAW) berichtete sie bei einem Online-Treffen mit dem Evangelischen Sonntagsblatt weiter über ihre neuen Horizonte.

Vor drei Jahren zog die Pfarrerin aus dem schwäbischen Nürtingen in den Süden Chiles. Aus Liebe: Ihr Mann Pablo, ebenfalls Theologe, stammt aus Chile. Nach seinem Studium in Deutschland führte sein Weg zurück in die Heimat. Heute lebt die Familie mit ihren kleinen Kindern in einer weitläufigen Region aus Weideland, Vulkanen und Seen – und in einer Kirche, die bis heute von ihrer deutschstämmigen Vergangenheit geprägt ist. Diese begegnet Almut Klose auf Schritt und Tritt. Manche ältere Gemeindemitglieder sprechen noch Deutsch. Und der Männerchor singt gerne zackige Märsche.

So führen scheinbar vertraute Spuren nicht nach Deutschland zurück, sondern fast schon in eine versunkene Zeit. Die Gemeinde ihres Mannes umfasst sieben Kirchen und sechs Teilgemeinden. 

Die Entfernungen sind gewaltig. Bis zu achtzig Kilometer nehmen manche Menschen auf sich, um einen Gottesdienst zu besuchen. Wer auf einer abgelegenen Farm lebt, fährt nicht für einen kurzen Abendtermin ins Gemeindehaus. Deshalb konzentriert sich vieles auf die Wochenenden.

Das Gemeindeleben wird dabei stark von Ehrenamtlichen getragen. Ein gewählter Präsident leitet den Kirchenvorstand. Gemeinsam mit seinen Stellvertretern organisiert er das Gemeindeleben, prüft Rechnungen, koordiniert Veranstaltungen und hält die Gemeinschaft zusammen. Vor allem aber verlieren die Engagierten nicht aus dem Blick, wer Unterstützung braucht. Sie behalten im Blick, wer krank geworden ist, welche Familie Hilfe benötigt und ob die ältere Dame, die einige Kilometer entfernt wohnt, am Sonntag eine Mitfahrgelegenheit braucht. Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen haben einen hohen Stellenwert. 

Wer mehr über die Umgebung verstehen will, in der Almut Klose arbeitet, muss einen Blick auf die Geschichte der lutherischen Kirche in Chile werfen. Deutsche und Schweizer Einwanderer gründeten sie im 19. Jahrhundert. Später entstanden durch missionarische und diakonische Arbeit auch spanischsprachige Gemeinden. Während der Militärdiktatur kam es zu Spannungen über politische und gesellschaftliche Fragen. Es gab eine Trennung zwischen einer progressiveren und einer konservativeren Lutherischen Kirche in Chile, zu der auch die Gemeinde am „Verlorenen Ort“ gehört.

Doch viele Gemeindemitglieder seien ausgesprochen wissbegierig. „Je anspruchsvoller die Predigt, desto besser“, erzählt sie. Theologische Diskussionen gehören zum Gemeindeleben dazu. Und so wagt sie immer wieder Neues. Manchmal gestaltet sie einen meditativen Taizé-Gottesdienst. Manchmal versucht sie, digitale Kommunikationswege zu öffnen. Während vieles bislang über geschlossene WhatsApp-Gruppen läuft, wirbt sie für eine öffentlich zugängliche Homepage.

Im Herbst 2025 wurde Almut Klose offiziell als Pastorin installiert. Ihre deutsche Ordination erkannte die Kirche in Chile an. Trotzdem war ihre Berufung etwas Besonderes. Vor ihr hatte es in der Kirche lediglich eine einzige Pfarrerin gegeben. 

Noch heute zeigt sich das im Alltag. Die Vorstellung, dass sich ein Ehepaar eine Pfarrstelle teilen könnte, wirkt für viele ungewohnt. Einen regulären Pfarrvertrag erhielt Klose nicht. Sie arbeitet auf Honorarbasis in Teilzeit. Um ein weiteres berufliches Standbein zu haben, unterrichtet sie zusätzlich zwölf Wochenstunden Deutsch an einer Grundschule in der Nähe. Dort begegnet sie vielen Kindern wieder in der Gemeinde.

Erwartungen neu füllen

Noch immer sprechen sie einige Gemeindemitglieder als „Pfarrfrau“ an. Manchmal richten Gemeindemitglieder wie in einer versunkenen Vergangenheit ihre Anliegen lieber über ihren Ehemann aus als direkt an sie. Wenn ihr Mann die Kinder aus der Kita abholt, erscheint das für manche Mütter dort überraschend.

Doch zugleich erlebt Klose, wie selbstverständlich sich viele Frauen in Kirche und Gesellschaft engagieren. Gerade ältere Gemeindemitglieder unterstützen sie. Eine ältere Frau habe nach einem Gottesdienst zu ihr gesagt: „Dass ich das noch erleben darf.“ Die Kinderbetreuung sei vielerorts besser ausgebaut als in Deutschland, erzählt sie. Für junge Mädchen wiederum wird die Pastorin auf der Kanzel zu einem sichtbaren Zeichen dafür, dass neue Wege möglich sind. 

Als Seelsorgerin besucht Almut Klose regelmäßig ein Altenheim vor Ort. Dort begegnet sie Bewohnern, die noch Deutsch sprechen und viele Erinnerungen bewahren. Als das Heim vor rund vierzig Jahren gegründet wurde, brachten viele Bewohner noch eigene Pflegekräfte mit. Heute ist die Pflege professionalisiert, auch hier gab es Veränderung.

So hat Almut Klose gelernt, sich auf den Brücken zwischen den Welten sicher zu bewegen. Im Vikariat begann sich Almut Klose im Gustav-Adolf-Werk zu engagieren. Sie absolvierte ein Praktikum in Leipzig und ist bis heute Teil des Leitungsteams in der württembergischen Arbeitsgemeinschaft der Frauenarbeit „Gemeinsam Aktiv Werden“. Sie weiß auch in Chile genau, wie ein Projektantrag zu stellen ist. Als Botschafterin in beide Richtungen ist sie doch in ihrer neuen Heimat angekommen.

Besonders sichtbar wird das jedes Jahr im Februar. Dann kommen Familien aus Gemeinden des ganzen Landes zur Sommerfreizeit an den Llanquihue-See. Dann wird der „versunkene Ort“ am See zum Mittelpunkt der Kirche: Rund sechzig Menschen wohnen für einige Tage
in einfachen Gemeinschaftshäusern, kochen zusammen, feiern Gottesdienste und verbringen ihre Ferien miteinander. Freundschaften werden gepflegt, neue Kontakte geknüpft.

Der ehrenamtliche Kirchenpräsident und seine Frau kümmern sich um Organisatorisches. Almut Klose gestaltet zusammen mit ihrem Mann das inhaltliche Programm. Erwachsenen und die Kinder arbeiten zeitgleich am selben Thema – jeweils auf sie zugeschnitten. Ansonsten lebt ihre Familie inmitten der Gemeinschaft.

Und wenn auf der Südhalbkugel zu Pfingsten Erntedank gefeiert wird und die kalte Jahreszeit beginnt, dann zeigt sich vielleicht am deutlichsten, worum es in ihrem Dienst geht: Menschen zusammenzubringen.

Zwischen Vulkanen und Weideland, zwischen traditionellen Erwartungen, Erinnerungen und vorsichtigen Veränderungen ist das Leben am „versunkenen Ort“ – fast am Ende der Welt – für Almut Klose längst zu einem Ort geworden, an dem Neues auftaucht. Und manchmal zeigt gerade dieser abgelegene Flecken Erde, dass die spannendsten Geschichten nicht dort beginnen, wo alles vertraut ist. Und dass das scheinbare Ende der Welt manchmal nur der Anfang einer neuen Geschichte ist.