Gegen den Strom der Gewohnheit

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Inge Rühl, Vorsitzende der Frauenarbeit im GAW sowie die Pfarrerinnen Anna Polcková und Eva Oslikova aus der Slowakei (von links) beim Jubiläum der GAW-Frauenarbeit in Leipzig. Foto: Borée
Inge Rühl, Vorsitzende der Frauenarbeit im GAW sowie die Pfarrerinnen Anna Polcková und Eva Oslikova aus der Slowakei (von links) beim Jubiläum der GAW-Frauenarbeit in Leipzig. Foto: Borée

Lebenslinien: Zwei Frauen, eine Kirche – vom Zusammenhalt & Widerspruch in der Slowakei

„Jedes Tal hat seine eigenen Traditionen“, so erklärt Eva Oslikova das Lebensgefühl in der Slowakei. Ihr Heimatland sei „nicht groß, aber gebirgig“, ergänzt sie im Gespräch mit dem Sonntagsblatt. Dörfer und Regionen konzentrieren sich gerade auf ihre Täler, ergänzt die Pfarrerin.

Nur wenige hunderttausend Mitglieder unter fünfeinhalb Millionen Einwohnern zählt die Evangelische Kirche A.B. in der Slowakei in dem eher katholischen Land. Ihre Gemeinden liegen verstreut zwischen der Hauptstadt Bratislava im Westen und den ärmeren Regionen im Osten. Die evangelische Kirche versucht da gemeinsame Identitäten zu schaffen. 

Dieser Zusammenhalt ist auch Eva Oslikova wichtig. Die Pfarrerin arbeitet in Modra, einer Kleinstadt unweit von Bratislava. Gleichzeitig koordiniert sie die Frauenarbeit ihrer Kirche. Für sie ist sie weit mehr als ein zusätzliches Arbeitsfeld. Die Frauenarbeit sei eine „wichtige Säule der Kirche“, sagt sie.

Dabei ist das Engagement von Frauen in der Slowakei keineswegs selbstverständlich. Immer wieder hatten sie mit Traditionsabbrüchen zu kämpfen. Nach der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei von Österreich im Zuge des Ersten Weltkrieges und dann erneut nach 1945 gab es vielversprechende Ansätze dazu. Doch die kommunistische Herrschaft schwächte dies nachhaltig. Die Kirche, so Oslikova, erschien damals „wie ein Torso“.

Erst nach dem politischen Umbruch 1989 entstand Raum für Neues. Vor dreißig Jahren wurde die Frauenarbeit offiziell gegründet. Heute wirken in allen vierzehn Dekanaten Koordinatorinnen. Sie organisieren Begegnungen, Bildungsangebote, geistliche Veranstaltungen und soziale Projekte.

Dann kam die Corona-Zeit: Trafen sich vor dem Jahr 2020 um die 150 Frauen zur landesweiten Vollversammlung der Frauenarbeit, so seien es heute höchstens 30 bis 50, erklärt Eva Oslikova. Doch die Herausforderungen wachsen. Die Generation, die die Frauenarbeit aufgebaut hat, wird älter. Jüngere Frauen lassen sich nur schwer gewinnen. Doch aktuell gibt es wieder Hoffnungseichen: Zu der Frauenkonferenz „Zakorenená“ (Verwurzelt) kamen 500 Frauen.

Eva Oslikova findet Unterstützung durch internationale Partnerschaften: Sie freut sich über die Zusammenarbeit mit dem Gustav-Adolf-Werk – wie auch in Leipzig beim Jubiläum der Frauenarbeit. Und über die Kontakte, die etwa durch den Weltgebetstag entstehen.

Beharrlich hält sie Verbindungen aufrecht. Denn vielerorts engagieren sich längst Frauen vor Ort. Sie begleiten Geflüchtete, organisieren Nachbarschaftshilfe oder unterstützen sozial benachteiligte Menschen. Manches Engagement bleibt in ihrem Tal. Aber gemeinsam trägt es die Kirche.

Das erinnert die Pfarrerin an die biblische Emmausgeschichte. Die Jünger erkennen Christus nicht sofort. Erst auf dem gemeinsamen Weg und beim Teilen des Brotes öffnet sich ihnen die Sicht. Für sie ist das ein Bild für Kirche. Sie soll Menschen miteinander verbinden und Räume schaffen, in denen Glaube wachsen kann.

Grenzen des Schweigens

Währenddessen steht Anna Polcková oft mitten im Konflikt. „Wenn ich schweigen würde, wäre ich feige und heuchlerisch“, so die Pfarrerin der evangelischen Altstadtgemeinde von Bratislava, der Hauptstadt eines Landes, dass zunehmend durch politisch harte Töne auffällt.

Ihre Gemeinde zählt rund 3.000 Mitglieder. Zwei Pfarrerinnen betreuen sie. Das Gemeindeleben ist lebendig, die Zahl der Taufen hoch, viele Familien engagieren sich aktiv. Gleichzeitig versteht sich die Gemeinde als sozialer Akteur. Freiwillige versorgen Bedürftige, organisieren Hilfen und engagieren sich für Menschen am Rand der Gesellschaft.

Doch bekannt wurde Polcková vor allem durch ihre Haltung gegenüber sexuellen Minderheiten. Seit Jahren heißt sie lesbische, schwule und trans Menschen willkommen. Ein jährlicher Pride-Gottesdienst gehört selbstverständlich zum Gemeindeleben. Rückhalt erhält sie von ihrer Gemeinde und ihrem Kirchenvorstand.

Dagegen geriet sie bereits vor sechs Jahren in Konflikt mit der Kirchenleitung. 2024 verabschiedete die Synode ihrer Kirche eine Stellungnahme, in der die Ablehnung homosexueller Beziehungen biblisch und theologisch begründet wurde. Geistlichen, die dies anders sehen, droht sie Konsequenzen an.

Die Altstadtgemeinde widersprach öffentlich. Sie erklärte, dass seelsorgerliche Begleitung nicht von sexueller Orientierung abhängig gemacht werden dürfe. Bis heute steht die Gemeinde hinter ihrer Pfarrerin.

Warum ihr das so wichtig ist, zeigt eine Begegnung, die Polcková nicht loslässt: Sie wurde zu einem sterbenden Mann gerufen. Kurz zuvor hatte dieser einem katholischen Priester seine jahrzehntelange Partnerschaft mit einem anderen Mann als Sünde bekannt. Währenddessen wartete sein Lebensgefährte im Nebenzimmer – jener Mensch, der ihn durch Krankheit und Leid begleitet hatte. Die Erinnerung bewegt Anna Polcková bis heute. Gerade für Menschen, die Ablehnung erfahren, wolle sie als Seelsorgerin da sein.

Dasselbe Motiv prägt ihre Arbeit in einer Roma-Siedlung im Osten der Slowakei. Dort leben viele Familien unter schwierigen Bedingungen. Als sich zahlreiche Menschen taufen lassen wollten, scheiterte dies zunächst an bürokratischen Vorgaben. Polcková entschied sich zu handeln und taufte 96 Kinder. Die örtliche Pfarrerin war zwar bei den Taufen anwesend, begegnete den neuen Christen nach Polckovás Darstellung jedoch ablehnend.

Heute organisiert Anna Polcková dort mit Ehrenamtlichen Freizeiten und Hilfsangebote. Für viele Kinder sind fließendes Wasser, eine warme Dusche oder ein eigenes Bett beim Sommerlager kleine Wunder. Noch wichtiger sei jedoch die Erfahrung, respektiert zu werden. Kirche müsse genau dort sein, wo Menschen übersehen oder ausgegrenzt werden.

Kirche nicht als Selbstzweck

Letztlich erzählen beide Frauen dieselbe Geschichte, wenn auch in unterschiedlicher Tonart: Eva Oslikova sucht nach Wegen, Menschen miteinander zu verbinden. Anna Polcková fordert ihre Kirche heraus, niemanden auszuschließen. Die eine baut Brücken. Die andere überschreitet Grenzen. Beide eint die Überzeugung, dass Kirche kein Selbstzweck ist. Sie soll Menschen stärken, ihnen Würde zusprechen und Hoffnung ermöglichen. Vielleicht ist das gerade in einer kleinen Kirche entscheidend. Man kennt einander. Konflikte werden sichtbar. Veränderungen ebenso.

Deshalb gilt für beide ein Satz, den Anna Polcková als ihr Leitwort formuliert hat: Der richtige Zeitpunkt, etwas zu verändern, ist nicht morgen. Er ist jetzt.