Lebenslinien: Wie zwei Pfarrerinnen in Frankreich und Italien spirituelle Impulse setzen
Zwischen zwei mittelalterlichen steinernen Wesen spannt sich am Portal der uralten Basilika Sainte-Marie-Madeleine ein unsichtbarer Bogen: Hier Jakob, der am Jabbok mit Gott ringt. Dort ein Zentaur, halb Mensch, halb Pferd, die Sehne seines Bogens gespannt auf das, was ihn lockt. Beide Figuren schauen einander ins Gesicht. Für Agnes von Kirchbach ist die Kirche, die über dem Ort Vézelay thront, kein Relikt aus ferner Vergangenheit. Regelmäßig ertastet sie neue Bedeutungsebenen im verwitterten Gestein. Und das nicht allein …
Die pensionierte Pfarrerin der Protestantische Kirche Frankreichs, die nun in dem uralten burgundischen Örtchen lebt, öffnet regelmäßig ihr Haus für einzelne Suchende oder ganze Gruppen. Zwölf bis 14 Gäste kann sie bei sich in Doppelzimmern unterbringen. „La Rencontre“ – die Begegnung – so lautet der eingängige Name ihres offenen Hauses: Dies umkreist ihr Anliegen.
Nach dem Jubiläum der Frauenarbeit beim Gustav-Adolf-Werk Ende April berichtete sie bei einem Online-Treffen über ihre Arbeit im Un-Ruhestand weiter. Geboren in Schleswig-Holstein lebt sie „seit über 50 Jahren“ in Frankreich.
An ihrer allerersten Pfarrstelle bei Paris konnte das GAW bei der Sicherung eines Jugendhauses mithelfen. Seitdem bestehen die Verbindungslinien. Agnes von Kirchbach ist da nicht nur Übersetzerin zwischen den Sprachen, sondern auch zwischen ganz unterschiedlichen religiösen Ausprägungen der Nachbarländer.
Oft gemeinsam mit ihrer katholischen Kollegin Annemarie Boulongne, einer Theologie-Professorin und Pastoralreferentin, gestaltet sie die Tagungen. Schließlich will sie ihr Haus in „ökumenischer Mehrsprachigkeit“ öffnen für „Sinnsuchende aller Konfessionen“ und ebenso für Menschen, „die sich noch nicht entschieden haben“. Denn in Frankreich ist eine Kirchenmitgliedschaft viel weniger selbstverständlich als etwa in Deutschland, Religionsunterricht gibt es westlich des Rheins nicht.
Zu Pfingsten kommen etwa mehrere Frauen zu ihr, die das Wirken des Geistes in ihrem Leben gemeinsam erfahren wollen. Andere kommen allein. Etwa als Pilger, denn der Jakobsweg führt an Vézelay vorbei. So ist der Ort voller religiöser Resonanzräume. Sie finden bei Agnes von Kirchbach Raum. Es gibt aber auch Menschen, die länger bleiben. Die Pfarrerin begleitet sie einzeln, um „abgeknickte Existenzen wieder aufzurichten“ oder sammelt sie in Gruppen.
Oder sie melden sich zielgerichtet bei ihr: So erst kürzlich eine Gruppe evangelischer Pfarrpersonen aus der französischsprachigen Schweiz, die sich berufsbegleitend in ihren ersten Dienstjahren zu Auszeiten treffen.
Regelmäßig geprägt sind dann die Abläufe von den Tageszeiten-Gebeten der Franziskaner in Vézelay geprägt. Und Sainte-Marie-Madeleine ist nicht nur ein Weltkulturerbe, sondern ein Ort meditativer Begegnungen: nicht nur mit dem ringenden Jakob und dem jagenden Zentauren. Nein, mehr als hundert Figuren lassen sich dort entdecken.
Doch dieser erscheint dabei fast als eine Leitfigur dieser geistlichen Arbeit. Ein Wesen zwischen Instinkt und Geist, zwischen Erdenschwere und Aufbruch. Vielleicht deshalb passt er so gut an diesen Ort, an dem Menschen mit ihren Brüchen ankommen: Erschöpfung, Glaubenszweifel, Einsamkeit, die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
Wie aber erfahren die Menschen von dem Begegnungszentrum? Online lassen sich keine Spuren davon entdecken. Die Kunde verbreitet sich auch analog weiter. Gut 600 Übernachtungen im Jahr zählt sie.
Wer heute nach Gott fragt, fragt oft zuerst nach glaubwürdigen Erfahrungen – so auch einem Tauffest am Ostermorgen: Um 5 Uhr früh beginnt der Weg durch die Weinberge mit einem Osterfeuer. Unterwegs dann begegnet die Gruppe immer wieder „Lavoirs“, eingehegten Wasserbecken. Eine Taufe dort klingt bei der Jahres- und Tageszeit arg kühl, erfrischt aber durch die offene Struktur.
Ökumenische Offenheit
Auch Elisa Schneider berichtet beim und nach dem GAW-Jubiläum von dieser Form einer Kirche, die unterwegs ist. Die deutsche Pfarrerin lebt heute in Neapel – in einer Kirche der Wege und Begegnungen. Denn sie hat von dort aus fast ganz Süditalien im Blick. Doch die Stadt am Vesuv ist seit der Antike ebenso eng mit einem Zentauren verbunden: Mit Chiron, den sein Ziehvater Apollo durch weise Erziehung über seine tierische Natur erhoben und zum Heiler geformt hatte.
Die Lutheraner in Neapel engagieren sich seit Jahrzehnten besonders im Bereich der Kirchenmusik. Konzerte und kulturelle Veranstaltungen bringen Menschen unterschiedlicher Konfessionen zusammen. Dazu kommt sozialer Einsatz: Kirchenvorsteher organisieren in armen Stadtvierteln Hausaufgabenhilfen und Sportangebote für Jugendliche. Und ein Evangelisches Krankenhaus in einem Vorort Neapels wird in gemeinsamer inner-evangelischer Trägerschaft geführt, „wobei natürlich die wenigsten Patienten evangelisch sind“. Überhaupt ist der ökumenische Austausch für sie sehr wichtig: mit den Waldensern, Baptisten und Methodisten – wobei die Lutherische Kirche der Juniorpartner ist.
Vielleicht beschreibt genau das die evangelische Diaspora in Süditalien. Klein, beweglich und darauf angewiesen, Brücken zu bauen.
Ökumene ist hier keine Zusatzaufgabe. Sie ist Alltag. Hier schafft die Kirche ebenfalls Räume der Offenheit. Allein die Entfernungen verändern das Verständnis von Gemeinde. Einmal im Monat hält Elisa Schneider Gottesdienst in Bari – rund 260 Kilometer weiter östlich, an der Ostküste Apuliens. Dort ist sie mit ihrer Gemeinde Gast in der Waldenserkirche. Oder sie fährt mal „hundert Kilometer für einen Geburtstagsbesuch“.
Genauso regelmäßig besucht sie die Inseln Capri und Ischia. Schließlich ist ihr die Seelsorge und die Kontaktpflege mit den Gemeindemitgliedern wichtig. Bereits als Grundschülerin lebte sie mit ihrer Familie zeitweise in Italien. Sie kennt Neapel von ihrem Auslandsvikariat. Heute denkt sie intensiv darüber nach, wie Gemeinde sowohl digital als auch vor Ort sichtbar bleiben kann.
Zugleich wird sie internationaler. Viele Italiener gehören inzwischen zur Gemeinde. Das Gesangbuch ist zweisprachig, Gottesdienste wechseln zwischen Italienisch, Deutsch und manchmal Englisch. Vor Pfingsten feiert die Gemeinde auf Capri ein ökumenisches Abendgebet gemeinsam mit dem katholischen Bischof. Zu Pfingsten selbst kommen Menschen im Garten der Gemeinde in Neapel zusammen, jeder bringt etwas zu essen mit. Kirche entsteht im Teilen: von Brot, Sprache, Musik und Geschichten.
So verbindet das Bild des Zentauren beide Orte, an den Menschen unterwegs sind. Kirchliche Spiritualität und Verantwortung wird gerade in der Zerstreuung beweglich. Dort ringen Menschen um neue Formen geistlicher Begegnung.



























