Warum manche Kirchenlieder mehr können als nur gesungen werden
Es gibt Worte, die scheinbar in einem ein Leben lang wohnen. Ganz unaufdringlich scheinen sie zu warten, bis der Zeitpunkt passt. Dann erscheinen sie.
Bei mir ist das so mit den Liedern von Paul Gerhardt. Vor 350 Jahren ist er gestorben. Aber seine Lieder sind mir seit frühester Kindheit vertraut – noch lange bevor ich überhaupt wusste, dass sie von ihm geschrieben wurden. Eines davon ist die 7. Strophe aus dem Lied „Lobe den Herren.“
„Gib, dass wir heute, Herr, durch dein Geleite auf unsern Wegen unverhindert gehen und überall in deiner Gnade stehen. Lobet den Herren!“
Als Kind wurde ich jeden Morgen mit dieser Strophe in den Kindergarten oder die Schule verabschiedet. Jacke und Schuhe wurden angezogen und dann diese Zeilen gebetet. Ein Innenhalten bevor es ein Küssen gab und der Tag seinen Lauf nahm. Damals ahnte ich natürlich nicht, dass sich diese Worte tief in mir einlagern würden wie ein guter Vorrat für schlechte Zeiten. Heute denke ich oft, wenn ich mich dran erinnere: Was für gute Sätze, um ein Kind in die Welt herauszuschicken.
Die Welt von Paul Gerhardt war damals nicht heil. Und sie ist es heute erst recht nicht. Morgens Nachrichten zu überfliegen, das bedeutet oft, sich vor dem ersten Kaffee mit den Widrigkeiten der Welt auseinander zu setzen: Krieg, Hass, Verwüstung, Menschen auf der Flucht, Einsamkeit, Verrohung. Das habe ich zum Glück nie erlebt. Paul Gerhardt jedoch schon.
Ich bin nicht mitten im Dreißigjährigen Krieg groß geworden. Ich musste keine brennenden Städte sehen und keine Pestjahre überstehen. Und doch kenne ich auch eine merkwürdige Mischung aus Angst und Alltag, die viele Menschen gerade empfinden. Man deckt den Tisch und liest gleichzeitig von zerbombten Häusern. Man fährt zur Arbeit und hört von neuen Toten. Die Welt ist nah geworden in ihrem Elend.
Vielleicht berühren mich Paul Gerhardts Lieder deshalb so sehr. Denn dieser Mann schrieb seine Verse nicht aus einer geschützten Wellness-Zone des Glaubens heraus. Er verlor früh seine Eltern. Er lebte in Kriegszeiten. Vier seiner fünf Kinder starben. Schließlich auch seine Frau Anna Maria. Und trotzdem dichtete er Zeilen voller Vertrauen, voller Schönheit, manchmal sogar voller Heiterkeit. Das erstaunt mich bis heute. Vielleicht liegt darin sein Geheimnis: Seine Lieder verleugnen das Leid nicht. Sie kennen den Schmerz sehr genau. Aber sie überlassen ihm nicht das letzte Wort.
Ich merke immer wieder, was für ein Schatz mir da in die Hände gelegt wurde. Durch meine evangelische Kindheit. Durch Gottesdienste. Durch gemeinsames Singen. Und natürlich auch durch meine Eltern und Verwandte, die diese Texte konnten. Es war, als hätte man mir ein inneres Archiv angelegt aus Worten für beinahe jede Lebenslage.
Es gibt Lieder von Paul Gerhardt für die Freude. Für den Abend. Für Frühlingsluft. Für Sterbestunden. Für das Trotzdem.
Und das Erstaunliche ist: Viele dieser Verse kann ich bis heute auswendig. Wenn ich sie heute in Gottesdiensten in Seniorenheime anstimme, wird die Brille abgesetzt und auswendig mitgesungen. Diese Lieder sind nicht bloß Kirchenmusik. Sie sind Lebensspeicher.
Lange bevor ich überhaupt wusste, wer Paul Gerhardt ist, sang ich „Geh aus mein Herz“ bei einem Sommerfest im Kindergarten. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern. Erst 15 Strophen später konnte ich endlich wieder mit meinen Freundinnen spielen und durfte ein Stück Kuchen essen.
Heute, viele Jahrzehnte später, ist dieses Lied immer noch lang. Ich höre es nur anderes als in meiner Kindheit. „Geh aus!“ – Bleib nicht sitzen. Verkrieche dich nicht. Warte nicht darauf, dass das Leben irgendwann anklopft. Geh hinaus. Suche die Freude. Je älter ich werde, desto klüger erscheint mir dieser Satz. Denn Freude fällt einem selten einfach in den Schoß. Man muss sich manchmal auf den Weg machen zu ihr. Trotz Müdigkeit. Trotz Sorgen. Trotz Nachrichtenlage. Vielleicht sogar trotz eigener Traurigkeit. Gerade darin liegt für mich etwas zutiefst Christliches: nicht die Augen vor der Welt zu verschließen, sondern dennoch Schönheit wahrzunehmen. Einen Baum. Ein Lied. Einen Kaffee mit einem Menschen. Einen hellen Morgen.
Ich habe wenig Gemeinsamkeiten mit dem Leben von Paul Gerhardt. Eine kleine gibt es jedoch: Veröffentlichungen. Natürlich ist das ein bisschen vermessen, sich hier vergleichen zu wollen. Ich bin keine Liederdichterin des 17. Jahrhunderts, und meine Texte werden wohl in 350 Jahren nicht mehr gelesen werden. Aber auch Paul Gerhardts Worte wären vermutlich nicht so weit gekommen ohne Johann Crüger, einen Berliner Kantor und Musiker. Er sammelte die Lieder im berühmten Gesangbuch „Praxis Pietatis Melica“. Ein wunderschöner Titel: „Gelebte Frömmigkeit in Liedern“. Crüger gab den Texten Melodien und machte sie bekannt. Erst dadurch fanden sie ihren Weg in Häuser, Kirchen, Kinderzimmer und Herzen.
Vielleicht liegt genau darin unsere winzige Gemeinsamkeit: Worte veröffentlichen in der Hoffnung, dass sie irgendwo landen. Im Sonntagsblatt. In einer Gemeinde. Bei einem Menschen, der gerade Trost braucht. Mehr kann man wahrscheinlich ohnehin nicht tun.
Manchmal überlege ich mit, wie viele dieser Schätze verloren gehen werden. Die Generation meiner Kinder und die, die danach kommt, wächst mittlerweile ohne diese Lieder auf. Nicht aus bösem Willen. Sondern weil Kirche, Glaube und gemeinsames Singen nicht mehr selbstverständlich sind. Wer diese Texte nie hört, kann sie auch nicht erinnern. Niemand kann Schönheit und Trost aus Worten ziehen, die er nie gelernt hat. Und doch gibt es – zumindest für mich – da einen winzigen Hoffnungsschimmer. Denn auch meine Kinder sind mit Strophen diesen Lieder groß geworden. Vielleicht nicht mit allen Strophen. Aber zumindest mit genau diesen beiden Strophen am Anfang und am Ende des Tages: Morgens beim Hinausgehen in den Tag. Abends vor dem Schlafengehen. Auch sie wurden hinein gesungen in diese Worte, so wie ich. Und vielleicht passiert irgendwann etwas Seltsames und Schönes: Dass ihnen viele Jahre später, mitten im Leben, plötzlich wieder eine Zeile einfällt. Vielleicht in einer schweren Nacht.
Vielleicht auf dem Weg zur Arbeit. Vielleicht beim Einschlafen der eigenen Kinder.
Der Tagesabschluss meiner Kindheit und der meiner Kinder war ein Vers aus „Nun ruhen alle Wälder:
„Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will Satan mich verschlingen, so lass die Engel singen: Dies Kind soll unverletzet sein.“



























