Nächstenliebe mit blinden Flecken

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Thomas Greif in der Ausstellung „Eiskalt sind die!“ Foto: Borée
Thomas Greif in der Ausstellung „Eiskalt sind die!“ Foto: Borée

Historischer Film in Rummelsberg spiegelt Verstrickung von Diakonie in den NS-Staat

Ein halbwüchsiger Junge stiehlt Äpfel auf dem Markt, eine junge Diakonisse folgt ihm nach Hause. Dort findet sie eine verwahrloste Mutter mit zwei Kindern in Not. So ein historischer Film der Evangelischen Bildkammer, eine Abteilung des Landesvereins für Innere Mission in Bayern. Er trägt den Titel „Einer trage des anderen Last“.

Auch die Polizei fügt sich in dieses Bild: Und dies dann noch, als der Jugendliche schließlich ein Fahrrad stiehlt. Sie erscheint als Freund und Helfer. Anstatt ihn zu bestrafen, bringt sie ihn in einer Fürsorgeeinrichtung unter. Dort lernt er das Schreinerhandwerk. Selbst seine Mutter wird wieder produktiv. Die jüngere Schwester erfährt Unterstützung in einer Kindertagesstätte. Später kann unser Jugendlicher die Werkstatt seines Lehrherrn übernehmen, dessen Tochter körperlich behindert ist. Aus Not wird Ordnung – alles gut.

Irritierend bleibt da nur das Jahr, in dem der Film gedreht wurde: Er stammt von 1936. Drei Jahre nach Hitlers Machtübernahme erzählt die Diakonie von einer idealen Welt in und um Nürnberg, in der die Staatsgewalt kaum als Gefahr erkennbar ist.

Das Konzept zum Film entwickelte Maja Frör, Tochter des Rummelsberger Rektors Karl Nicol. Die Handlung soll auf wahren Begebenheiten beruhen und führte das Publikum durch Arbeitsfelder der Diakonie. Immer noch läuft dieser Stummfilm, wenn auch meist in gekürzter Form.

Hilfe mit getrübtem Blick

Das Diakoniemuseum Rummelsberg zeigt ihn in der Ausstellung „Eiskalt sind die! Diakonie und Nationalsozialismus in Bayern“, die der Leiter Dr. Thomas Greif wesentlich mit konzipierte. Auch diakonische Einrichtungen in Bayern nahmen mit getrübten Blicken die NS-Herrschaft wahr (wie zur Eröffnung der Ausstellung im Sonntagsblatt-Nr. 17 zum 26. April 2026 berichtet). 

Warum nur konnte christliche Nächstenliebe derart ihre Urteilskraft verlieren? Viele Verantwortliche in Kirche und Diakonie begrüßten 1933 Hitlers Machtübernahme. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag, nach den Herausforderungen der von ihnen abgelehnten Weimarer Republik und der Weltwirtschaftskrise hofften sie auf eine Versöhnung von Kirche, Volk und Staat. 

Allzu viele Protestanten auch in Bayern passten sich schnell an dessen Vorgaben an und zeigten teils Begeisterung für das NS-Regime. Der Kirchenkampf brachte 1934 Ernüchterung, löste die grundsätzliche Loyalität zum NS-Staat aber kaum auf. Auch die Diakonie übernahm oft das Führerprinzip und ordnete sich staatlichen Vorgaben unter.

Während das NS-Regime seit Jahren Menschen entrechtete und verfolgte, erzählte der Film der Diakonie noch 1936 von Polizisten als Vertretern der Staatsgewalt, mit dem sich Hilfe offenbar vertrauensvoll organisieren ließ. Auch technisch war er noch einer anderen Zeit verhaftet: Obwohl sich der Tonfilm 1936 längst durchgesetzt hatte, fand die stumme Produktion damals noch ein breites Publikum. Dennoch war sie in allen damals 1.200 evangelischen Gemeinden Bayerns zu sehen – ferner in ganz Deutschland, Österreich und selbst in Südamerika. 

Trotzdem war dieser Film kein bloßes Propagandainstrument. Er markiert gleichzeitig die Grenze dessen, wie damals Diakonie öffentlich in Erscheinung treten konnte: Die NS-Zensur gab sie frei. Doch örtlich begrenzt gab es bei der Aufführung Konflikte mit Parteidienststellen. Ein Münchner Pfarrer hielt eine Vorführung an „Führers Geburtstag“ für unmöglich. Solche Spannungen machen den Film jedoch noch nicht zu einem Zeugnis des Widerstands. 

Und die Jugendfürsorge? Uwe Kaminsky beschreibt als Experte für Geschichte und Ethik in der Medizin im Begleitband zur Ausstellung das Gegenbild zu dem Diakoniefilm: Schon im Kaiserreich diente sie häufig eher der Disziplinierung als der Förderung. 

Nach der Weimarer Repbulik verschärfte sich der Druck wieder ab 1933. Wer als unerziehbar, „erbkrank“ oder „psychopathisch“ galt, dem drohte die Zwangssterilisation oder Zwangsabtreibung. Das konnte neben allen anderen gesundheitlichen und psychischen Folgen auch tödlich verlaufen. Die systematische Ermordung für Menschen mit psychischen oder geistigen Einschränkungen kam bald hinzu.

Neuanfang im Gehorsam

Wie Kaminsky weiter zeigt, beklagte sogar der Vorsitzende des Evangelischen Reichserziehungsverbandes, Pastor Alfred Fritz, Ende 1940 die zunehmende „Jugendverwahrlosung“. Er forderte gar weitgehende „Zwangsmaßnahmen“ gegenüber diesen „bewußt asozialen Elementen“, die sich NS-Normen oder dem Kriegsdienst nicht beugen wollten. 

Und welcher Wandel war nach Kriegsende 1945 möglich? Ein Rummelsberger Diakonenschüler, der damals zu seiner Ausbildung zurückkehrte, schrieb: „Wir waren alle sehr lernfähig gewesen nach dem langen Landsknechtsleben im Krieg. Es lief alles sehr gut, denn Gehorsam hatten wir gelernt.“

War so wirklich ein Neuanfang der Diakonie möglich? Zumal nicht nur junge Soldaten, sondern auch ehemalige Offiziere und selbst SS-Leute nach 1945 schnell eine neue Heimat in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayerns oder in Diakonischen Einrichtungen fanden. Andere arbeiteten dort bruchlos weiter. Dies zeigt Günter Breitenbach in sei­­nem Beitrag „Die Innere Mission und ihre Aufarbeitung der NS-Zeit“ im Ausstellungskatalog eindrücklich auf. 2011 bis 2019 leitete der nun 72-jährige die Rummelsberger Diakonie als Vorstandsvorsitzender und Rektor. 

Der Bedarf an Personal nach 1945 war gewaltig. Geflüchtete, Kriegsversehrte und Kinder ohne Angehörige brauchten Versorgung. Da war die Vergangenheit der Pflegenden und Funktionsträger nebensächlich. Auch die christliche Bereitschaft, Schuldigen Umkehr zu ermöglichen, erleichterte ihre Aufnahme. Ob tatsächlich eine Neuorientierung stattgefunden hatte, blieb meist Privatsache. Erst seit Mitte der 1960er Jahre begannen tiefgreifende Veränder­ungen. Eine systematische Aufarbeitung folgte seit den 1980er Jahren.

Und sie geht bis heute weiter: Im Diakoniemuseum Rummelsberg erhalten viele Opfer ihre Identitäten zurück. Fast 50 Gruppen haben Museumsleiter Thomas Greif und sein Team inzwisschen durch die Ausstellung geführt. Bis Jahresende rechnet Greif gegenüber dem Sonntagsblatt mit etwa hundert Gruppen. Sie setzen sich damit auseinander, dass Nächstenliebe mehr braucht als gute Absichten.

Zum 90. Jahrestag der Uraufführung wird der Film am Sonntag, 8. November, um 17 Uhr im Museum vollständig mit mu­sikalischer Live-Klaviermusik mit Ulrich Nehls gezeigt. Die Ausstellung ist bis Ende 2028 donnerstags und sonntags 14–17 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Mehr online: https://www.diakoniemuseum.de oder Tel. 09128/502274.