Ob ich das noch brauchen kann?

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt von Inge Wollschläger über das Loslassen

Ich liege auf der Couch und schaue auf Dinge. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich nicht abgehefteten Briefe. In einer Tüte auf dem Stuhl warten Bücher, dass ich sie in den öffentlichen Bücherschrank stelle. Eine Jacke über dem Stuhl, die ich jetzt bei den Temperaturen bestimmt für längere Zeit nicht brauchen werden. Ich sehe ein Kabel von irgendeinem Gerät, das es wahrscheinlich gar nicht mehr gibt. „Kann man ja vielleicht nochmal brauchen.“ 

Vielleicht sind Sie mit so einem Satz auch groß geworden. Man hebt auf. Man wirft nichts leichtfertig weg. Wer weiß, ob man es irgendwann doch noch braucht. Also bleibt es da. Erst auf dem Schreibtisch, anschließend im Keller. Irgendwann auch im Kopf.

Und dann sitzt man zwischen all den Dingen und merkt plötzlich: Es ist ganz schön voll geworden. Nicht nur die Wohnung. Auch das Leben.

Ich kann es auch auf anderes im Leben übertragen: Manchmal tragen wir viel zu lange mit uns herum. Alte Geschichten. Enttäuschungen. Schuldgefühle. Selbstbilder. Sätze anderer Menschen. Alles fein säuberlich aufgehoben.

Dabei sehnen wir uns doch eigentlich nach etwas anderem: nach Luft. Nach Klarheit. Nach einem freien Tisch. Nach Ruhe im Kopf.

Jesus erzählt einmal von einem reichen Mann, der immer größere Scheunen baut, um alles unterzubringen. Mehr Vorräte. Mehr Sicherheit. Mehr Besitz. Und dann sagt Gott zu ihm einen seltsamen, harten Satz: „Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir fordern.“ Mitnehmen kann er nichts.

Vielleicht liegt darin gar keine Drohung. Vielleicht eher eine Erinnerung: Das Leben besteht nicht aus dem, was wir festhalten.

Und trotzdem fällt Loslassen schwer. Dieses Zögern. Vielleicht passt das irgendwann wieder. Vielleicht brauche ich das nochmal. Manchmal hängt da auch zu viel Erinnerung dran.

Und dann passiert etwas Merkwürdiges: Man bringt Dinge weg. Ein Sack Altkleider. Ein voller Karton. Ein Regal wird leer.

Und plötzlich entsteht etwas. Nicht Leere. Sondern Raum. Licht. Schönheit. Klarheit. Es sieht nicht nur anders aus. Es fühlt sich auch anders an. Als hätte jemand ein Fenster geöffnet. In Stube und Schränken. Und im Kopf.