Gottes Spuren trotz unserer Schwäche sehen

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über die ideale christliche Gemeinschaft

Schneegestöber in der Oberpfalz. Ich bin mit dem Auto unterwegs auf der vielbefahrenen Straße. Am Ortseingang fällt mein Blick auf die Seite. Am Straßenrand steckt eine ältere Frau mit einem elektrischen Rollstuhl im Schneehaufen fest. Ich halte an. „Gut eine halbe Stunde stehe ich schon hier und winke“, verrät sie mir. Alleine bringe ich sie nicht wieder auf den Gehsteig zurück, also versuche ich ein weiteres Auto anzuhalten. Das siebte Auto hält. Der Fahrer motzt und schimpft. 

Nein, ich erzähle das nicht, weil ich mich als gutes Beispiel hervorheben will, sondern, weil ich beides in unserer Gesellschaft schon lange wahrnehme: Egoismus und Emotion. Erst denke ich an mich! Der Philosoph Donald Davidson sagt, alle – wirklich alle – unsere Handlungsgründe sind egoistischer Natur. Egal was ich tue, ich tue es, weil ich mir davon etwas Gutes erwarte. Und in Social Media bringen vor allem die Posts Klicks, die negative Emotionen triggern. Alleine das richtige Stichwort kann reichen, um das Gegenüber zum Explodieren zu bringen. „Tempolimit“, oder „Gäst-innen“. 

Früher war alles besser? Wenn man das liest, was Lukas in der Apostelgeschichte schreibt, kann man schon auf den Gedanken kommen.

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. (…) Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie (…) und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Aus Apg 4,32–34

Das klingt schon erstrebenswert. Einmütigkeit, Teilhabe, auf andere schauen, ja sogar Eigenes abgeben, damit alle gut leben können. So beschreibt er die Urgemeinde, also die Menschen, die sich nach Jesu Tod und Auferstehung gesammelt haben. Ja, ein bisschen ersehnt man es sich doch genau so heute als moderne Gesellschaft, die oft schwieriger ist. 

Ich glaube nicht, dass es früher besser war. Auch im Urchristentum wird man in „Kirchenvorstandssitzungen“ oft hitzig gerungen haben. Auch da wird es soziale Unter­-schiede gegeben haben und Menschen, die das Gefühl hatten, dass andere an ihnen vorbeigefahren sind. Wo Menschen sind, menschelt es.

Vielleicht ist es ein perfides Stilmittel, diesen Anspruch an den Beginn der Kirche zu stellen. In der Hoffnung, dass der Wunsch immer wieder aufs Neue Wirklichkeit wird. „Hör hin, was andere emotional bewegt und frage danach, was sie brauchen und was du geben kannst!“ Um an Davidson anzuknüpfen: Eine Gesellschaft, in der das Miteinander großgeschrieben wird, bettet auch mich in dieses Miteinander ein. Verstehen wir den hier gezeichneten Ursprung als Ansporn. Es muss ja nicht gleich dein Acker oder dein Haus sein, das man teilt. Nur so bleibt niemand von uns irgendwo stecken.

Stefan R. Fischer, Pfarramt zwischen Vils und Naab

Gebet: Guter Gott, lenke unseren Blick auf die, die uns brauchen. Lass andere für mich da sein, wenn ich mich nach Trost und Unterstützung sehne, damit wir Gemeinschaft erfahren – untereinander und auch mit dir, in unserer Kirche und auch darüber hinaus. Durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Lied: 060: Wir haben Gottes Spuren