Luther, die Quietscheente und ich

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„Viva la Reformation“: Martin Luther begleitet mich stilvoll beim Einkauf auf dem Wochenmarkt. Foto: Wollschläger
„Viva la Reformation“: Martin Luther begleitet mich stilvoll beim Einkauf auf dem Wochenmarkt. Foto: Wollschläger

Von protestantischem Eifer, großen Irrtümern und der Freiheit, seine Meinung zu ändern

Ich besitze eine Playmobilfigur von Martin Luther. Eine Luther-Keks-Ausstechform. Einen kleinen Rucksack mit der Aufschrift „Viva la Reformation“ für meine Einkäufe auf dem Wochenmarkt. Ich habe Luther-Socken getragen und begeistert verschenkt. Darauf stand: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Jener berühm­te Satz, den Luther 1521 vor dem Reichstag in Worms gesagt haben soll. Ich schnitzte Lutherrosen in Kürbisse statt Gruselfratzen. Eine Luther-Quietscheente für die Badewanne habe ich sogar einmal zu Weihnachten geschenkt bekommen. Ich fand sie herrlich. Man könnte meinen, ich hätte einen kleinen protestantischen Devotionalienhandel betrieben. Dabei bin ich einfach mit Martin Luther groß geworden.

Als Pfarrerskind gehörte er zu meinem Leben. Später im Konfirmandenunterricht musste ich Teile des Kleinen Katechismus auswendig lernen. Im Religionsunterricht bekamen wir Luther-Comics. Sie wareneine wilde Mischung aus Bild-Zeitung und Klatschmagazin. Große Schlagzeilen, aufregende Geschichten, nur mit mehr geschichtlichem Hintergrund – spannend aufbereitet. Und vor ein paar Jahren schrieb ich selbst einmal eine Fortsetzungsgeschichte über das Leben von Martin Luther für die Kinderbeilage des Sonntagsblatts. Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch daran. 

Die Freude am spielerischen Um­gang mit Luther ist mir bis heute geblieben. Ich finde es großartig, wenn man über eine Quietscheente lachen kann und dabei trotzdem etwas über Kirchengeschichte erfährt. Oder wenn jemand meine Socken betrachtet und fragt, was dieser merkwürdige Satz darauf eigentlich bedeuten soll. Schon ist man mitten in einer Geschichte über einen Mann, der vor einem Kaiser stand und sich weigerte, seine Überzeugungen zu widerrufen. Und ganz nebenbei hat man ein bisschen Reformationsgeschichte vermittelt. 

Meine Begeisterung ist geblieben. Nur die Art, wie ich sie mit anderen teile, hat sich im Laufe der Jahre verändert. Früher habe ich jede Gelegenheit genutzt, um mit einem Augenzwinkern ein bisschen Reformationsgeschichte unter die Leute zu bringen. Besonders rund um den 31. Oktober.

Da teilte ich in den sozialen Medien – mit vielen anderen evangelischen Menschen – diesen virtuellen Aufkleber. In meinen Onlinenetzwerken hat man viele davon gesehen. 

Inzwischen denke ich: Feiert doch, was ihr wollt! Wer Halloween mag, soll sich als Gespenst oder Gruselmonster verkleiden. Und wer den Reformationstag feiern möchte, kann doch eine Lutherrose in den Kürbis schnitzen. Ich muss niemandem beweisen, dass mein Feiertag wichtiger oder gar intellektuell anspruchsvoller ist. Die Freude an der Reformation ist geblieben. Nur mein Bedürfnis, andere davon überzeugen zu müssen, ist deutlich kleiner geworden. Vielleicht ist das ja schon eine kleine persönliche Reformation: Ich habe meine Haltung verändert. 

Martin Luther hat seine Haltung ebenfalls verändert. Und zwar ziemlich gründlich. Er war Mönch, hatte ein Gelübde fürs Leben abgelegt und begann dann, ausgerechnet die Kirche infrage zu stellen, der er sein Leben gewidmet hatte. Er widersprach Autoritäten, riskierte viel und hielt an Überzeugungen fest, die er aus seinem Bibelstudium gewonnen hatte. Dass er damit eine Bewegung auslöste, die Kirche und Gesellschaft grundlegend veränderte, lag auch daran, dass er zur richtigen Zeit die Möglichkeiten des Buchdrucks nutzen konnte. Und Menschen hatte, die ihn schützten.

Mich beeindruckt bis heute sein Mut, Fragen zu stellen, wo andere längst Antworten zu haben glaubten. Und seine Erkenntnis, dass Gottes Gnade kein Verdienstorden für besonders brave Menschen ist. Man kann sie sich nicht erarbeiten. Man bekommt sie geschenkt. Das finde ich – je älter ich werden – ausgesprochen beruhigend.

Allerdings führte Luthers Überzeugungskraft keineswegs immer zum Guten. Während des Bauernkriegs stellte er sich gegen die Aufständischen und rief schließlich zu brutaler Gewalt gegen sie auf. Und seine späteren judenfeindlichen Schriften sind unerträglich. Darin forderte er unter anderem, Synagogen niederzubrennen.

Ausgerechnet der Mann, der so vieles infrage stellte, konnte selbst erschreckend unbelehrbar sein. Vielleicht hätte ihm gelegentlich ein bisschen mehr von jener Bereitschaft zur Veränderung gutgetan, die er selbst in Gang gesetzt hatte. Und manchmal wäre Schweigen tatsächlich die bessere Entscheidung gewesen.

Aber auch das gehört zur menschlichen Wirklichkeit: Das Großartige und das Schäbige liegen manchmal erschreckend nah beieinander. Nicht nur bei Luther. Auch in uns selbst. Das anzuerkennen und trotzdem weiter nach dem Guten zu suchen, ist für mich ebenfalls Reformation.

Was mir geblieben ist? Die Freude am Fragen und das Vertrauen, dass mein Glaube daran nicht zerbricht. Im Gegenteil. Ich finde es schön, in einer Glaubenstradition zu Hause zu sein, in der das Suchen und Neudenken seinen Platz hat. In der ich nicht alles wissen, nicht immer recht behalten und schon gar nicht fertig sein muss. Ich darf überzeugt sein und trotzdem meine Meinung ändern. Und ich darf mich auf eine jahrhundertealte Tradition verlassen, ohne deshalb alles für richtig halten zu müssen, was in ihrem Namen gesagt und getan wurde.

Und bei aller Ernsthaftigkeit möchte ich mir die Freude daran bewahren. Schließlich wird Luther auch dieser herrlich deftige Satz zugeschrieben: „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.“ Da ist doch was dran. Vielleicht erklärt das auch, warum ich meine Luther-Quietscheente immer noch so mag.