Warum Paul Gerhardts Osterlied „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“ bis heute bewegt
Die Orgel setzt ein, schwebend zunächst, dann schwungvoller. Das Lied „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“ (EG 112) erklingt. Dann füllt es den Raum. Nach dem Vorspiel singt die Gemeinde von Freude, von Sieg, von neuem Leben. Es ist Ostermorgen. Doch während sich Melodie und Text entfalten, stellt sich unweigerlich eine Frage: Lässt sich davon wirklich singen – in einer Zeit, die von Kriegen und Krisen geprägt ist? Oder hilft das Lied, die Dunkelheit zu überwinden?
Die erste Strophe dieses Osterliedes beginnt im Grab: „Mein Heiland war gelegt, / da wo man uns hinträgt, / wenn von uns unser Geist / gen Himmel ist gereist.“ Gerhardt begann dort, wo Menschen enden: Beim Tod, beim Verlust, bei der Erfahrung der Vergänglichkeit.
Ein größeres Publikum erreichten diese Verse erstmals 1647 – in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges. Der Kantor Johann Crüger, der zu vielen Gerhardt-Liedern unsterbliche Melodien schuf und auch dies Osterlied mit jubelnden Tönen unterlegte, ließ es damals in seinem neuartigen Gesangbuch drucken. Die Melodie des Osterliedes will fast getanzt werden, nicht nur gedacht.
Im Schatten des Krieges
Berlin, die Stadt, in der Gerhardt und Crüger lebten, war damals gezeichnet vom Dreißigjährigen Krieg. Die Einwohnerzahl hatte sich dort während des Krieges durch Pest, Pocken und die Ruhr von 12.000 auf 5.000 Menschen seit 1618 bis Kriegsende mehr als halbiert.
Genau in dieser Lage erklang die zweite Strophe: In solchen Zusammenhängen erhält Gerhardts „Freuden“-Lied ein ganz eigenes Gewicht: „Er war ins Grab gesenket /der Feind trieb groß Geschrei“. So beginnt die 2. Strophe. Doch innerhalb weniger Zeilen, „eh er‘s vermeint und denket / ist Christus wieder frei“. Nun kann er „Viktoria“ rufen und sein Fähnlein schwingen.
Zwar wirken manche Bilder aus dem Lied für uns heute fremd, doch damals waren sie wohl alltäglich. Doch die Angst verliert ihre Macht – „nun soll mir nichts mehr grauen“, wie es in der 3. Strophe heißt.
Die 4. Strophe begründet dies: „Die Höll und ihre Rotten / die krümmen mir kein Haar; der Sünde kann ich spotten / bleib allzeit ohn Gefahr“. Das klingt heute fast ein wenig frömmelnd oder naiv. Oder sind für uns diese Bilder allzu sehr verblasst – weil die „Hölle“ für uns erkaltet ist? Jedenfalls fallen die beiden Strophen beim Gemeindegesang aus.
Der Dichter selbst konnte damals noch nicht wissen, dass er das gesegnete Alter von 70 Jahren erreichen würde und im Jahr 1676 verstarb. In diesen Wochen – zu seinem 350. Todestag – wird daher besonders an sein Leben und Wirken erinnert.
Zu den bemerkenswerten Beiträgen gehört das „Paul-Gerhardt-Brevier“ von Udo Hahn (*1962). Der frühere Redakteur des Rothenburger Sonntagsblattes und heutige Leiter der Evangelischen Akademie Tutzing legt darin ein schmales, meditatives Buch vor, das in 52 kurzen Kapiteln durch das Kirchenjahr führt. Hahns Zugang ist bewusst ruhig und betrachtend: Er liest Gerhardts Lieder im Rhythmus der Jahreszeiten und lässt ihre geistliche Dramaturgie sichtbar werden.
Auch unser Osterlied „Auf, auf mein Herz mit Freuden“ erscheint so als Teil eines großen geistlichen Erzählbogens. Acht Strophen umfasst es – für Gerhardt fast schon eine Kurzform, denn manche seiner Lieder erreichen 18 Strophen und entfalten erst in ihrem Gesamtverlauf ihre eigentliche Wirkung.
Einen anderen Zugang wählen die „50 Blicke auf Paul Gerhardt“ von Claudia Wasow-Kania und Konrad Klek. Sie verorten den Dichter prägnant in den politischen, sozialen und religiösen Spannungen seiner Zeit.
Osterlachen als Widerstand
Besonders deutlich zeigt sich das in der Zeile: „Die Welt ist mir ein Lachen / mit ihrem großen Zorn.“ Dieses Lachen erscheint nur auf den ersten Blick zynisch. Näher betrachtet ist es ein Osterlachen – ein bewusstes Gegenhalten gegen die Gewalt der Welt. Das Toben der Zeit lässt sich auch heute wieder erschreckend gut nachvollziehen, doch es soll das Herz nicht beherrschen.
Paul Gerhardt wusste, wovon er schrieb. 1621 verlor er im Alter von nur 14 Jahren beide Eltern. Immerhin ermöglichte ein kleines Familienerbe den Besuch der sächsischen Fürstenschule Grimma. 1628 begann er in Wittenberg Theologie zu studieren und hielt sich lange Jahre als Hauslehrer über Wasser. Erst rund 14 Jahre später scheint er sein Studium abgeschlossen zu haben. In der Reformationsstadt wütete 1636/37 die Pest so heftig, dass eigene Sterbebücher geführt wurden. Zugleich wurde seine nahe gelegene Geburtsstadt Gräfenhainichen im April 1637 von schwedischen Soldaten vollständig zerstört, und noch im selben Jahr starb sein Bruder Christian. Der Krieg griff tief in sein Leben ein – bevor seine Lieder von Hoffnung erzählten.
Paul Gerhardt kannte die „Nacht“, die nun in der zweiten Hälfte des Liedes zum „Sonnenblick“ wird. Denn „wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit“. Und all das weder als vergangenes noch als zukünftiges Geschehen, sondern direkt in der Gegenwart. Im „Heute“.
Auch in Berlin war Paul Gerhardt noch bis 1651 als Hauslehrer tätig. Und doch entstanden gerade in dieser unsicheren Zeit seine stärksten Lieder. Im Passionslied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ (ebenfalls 1647 veröffentlicht) beschreibt er das Leiden Christi eindringlich: Doch auch da noch – mitten in der Passion – löste sich Verzweiflung und Einsamkeit in Lachen (Strophe 6), bevor schon der Eintritt „in deines Reiches Freuden“ erfolgt.
Auch das verstörende „O Haupt voll Blut und Wunden“ (1656 veröffentlicht) – „ich hab es selbst verschuldet / was du getragen hast“ (Strophe 4) – führt endlich zum Trost: „Wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein / so reiß mich aus den Ängsten“ – nur reicht der Gesang oft nicht bis zu diesem Schluss.
Und dabei schrieb Paul Gerhardt diese Verse, lange bevor er vier seiner fünf Kinder spätestens im Kleinkindalter beerdigen musste und auch seine Frau vorzeitig verstarb.
Doch noch immer singt die Gemeinde das „Auf, auf mein Herz mit Freuden“ bis sich in der vorletzten Strophe „alles Toben stillt“. Die Melodie trägt weiter – noch bis zu den „Pforten des Himmels“ am Ende. Auch nur ein altes Kinderbild? Oder wie malt es sich heute aus?
Die Orgel verklingt, die Töne verhallen. Einen Moment lang ist es still. Das Lied aber bleibt.
Buchtipps (Auswahl):
– Udo Hahn: Fröhlich soll mein Herze springen. Das Paul-Gerhardt-Brevier, 126 Seiten, 19 Euro, Eva-Verlag 2026; ISBN: 978-3-3740-80533.
– Wasow-Kania,/Klek: 50 Blicke auf Paul Gerhardt 184 S., 19 Euro, Eva-Verlag 2026; ISBN: 978-3-3740-79926.





























