Jesus lädt ein zum Gebet in der Stille

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern: Stille finden im Gebet

„Boah, mir ist kalt“, sagt meine Freundin, die zu Besuch ist. Ich springe auf und mache schnell die Balkontür zu. So – oder so ähnlich habe ich das schon oft bei mir und anderen erlebt. Ich höre schnell einen unausgesprochenen Wunsch heraus – und reagiere. Bei dem Predigttext geht es mir genauso: 

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten … 

aus Mt 6,5–15

Jesu Worte höre ich leicht als unausgesprochenen Wunsch, ja als Aufforderung: Stell dich nicht zur Schau, wenn du betest. Und klar: Beten und Protzen passen nicht gut zusammen. Doch nur als Appell gehört, verpasse ich etwas Entscheidendes. 

Jesus spricht zu Menschen am Rande der Gesellschaft und zu seinen engsten Vertrauten. Matthäus schreibt für Menschen in oft prekären Lebensverhältnissen. Ein stiller Rückzugsort war für viele keine Selbstverständlichkeit. Eine eigene Kammer? Eher die Ausnahme.

Ich höre Jesu Wort deshalb heute weniger als Appell denn als Einladung. Sie erzählen von einer Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich nicht funktionieren muss. Nach einem Raum, in dem ich echt sein darf. Jesus selbst sucht solche Orte und zieht sich immer wieder in die Einsamkeit zurück auf Berge, am Ufer, in der Wüste. Ich verstehe das so: In einer lärmigen Gesellschaft mit wenig Raum für sich, suchte Jesus äußere Stille, um sich immer wieder auszurichten.

Während ich diese Worte schreibe, trage ich ein drei Monate altes Baby. Stille und Rückzugsorte sind momentan selten. „Geh in dein Kämmerlein“, sagt Jesus. Heute an Muttertag heißt das: Die Tür muss auch mal zu sein. Das ist kein Luxus, sondern ein Grundbedürfnis. Menschen, die mit Müttern leben, sind hier gefragt. Sie können helfen, solche Räume zu schaffen, indem sie Care-Arbeit teilen und Verantwortung übernehmen – ohne das erst darum gebeten werden muss.

Zeit im eigenen Kämmerlein heißt: in Verbindung kommen können mit mir, mit anderen, mit Gott. Beten heißt dann nicht, die richtigen Worte finden oder leisten müssen, sondern da zu sein mit dem, was mich bewegt. So verstanden, erinnern mich Jesu Worte an meine kleine Mini-Kammer, mit der jeder Morgen startet. Ich stehe im Wohnzimmer und blicke aus dem Fenster. Dann atme ich: einmal, zweimal, fünfmal tief ein – und wieder aus. Fünf Atemzüge helfen, um wieder mehr bei mir anzukommen. Atmen verbindet mich mit meinem Körper, mit anderen, mit Gott. Und zugleich schafft es Abstand zu dem, was mich gerade drängt.

Janina Steigerwald, Pfarrerin in München

Gebet: Gott, ich sehne mich nach Momenten, in denen ich einfach da sein darf. Vor dir atme ich fünfmal tief ein und wieder aus. In mir bewegt sich der Alltag, das, was letzte Woche war. Ich nenne dir: Etwas, das ich abhaken möchte. Etwas, das mich froh macht. Etwas, das ich noch nicht loslassen kann. Schenke mir Räume – außen oder innen –, in denen ich durchatmen kann. Und Menschen an meiner Seite, die diese Räume achten und mir Freiraum ermöglichen. Amen.

Lied EG 165: Gott ist gegenwärtig