Ein neuer Geist – und die Gefahren von KI

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Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus
Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Raimund Kirch

„Sende aus Deinen Geist, und das Angesicht der Erde wird neu“, heißt es im Psalm 104, der gern an Pfingsten mit der damit verbundenen Bitte zitiert wird, unsere Herzen zu erneuern und Frieden in die Welt zu bringen. 

Der Skeptiker in mir denkt dabei natürlich auch gleich an die Künstliche Intelligenz, die sich wie Feuerzungen in den Medien breitmacht und sich natürlich auch in Kirche und Gesellschaft breit macht. Lebhaft in Erinnerung ist mir noch der erste KI-Gottesdienst auf dem Nürnberger Kirchentag von 2023. Er hat damals schon gezeigt, was möglich ist und was uns eventuell in der Zukunft droht. Zwar beteten, predigten und segneten da Avatare, also Kunstfiguren, die damals mitunter noch unbeholfen erschienen und ein Schmunzeln hervorriefen; aber wir wissen ja, dass die KI ständig dazulernt. Dass die Plattformen von Mal zu Mal mit neuen Inhalten versorgt werden. 

Nicht von ungefähr warnte erst jüngst der evangelische Medien­ethiker und Professor für digitale Theologie an der Uni Erlangen, Florian Höhne, vor einer raffinierten Vermischung aus originalen Jesuszitaten und theologischen Interpretationen, deren Herkunft nur schwer oder gar nicht mehr ermittelt werden können. 

Natürlich weiß man, dass KI eine von Menschen gebaute und von Menschen mit Daten gefütterte Maschine ist, doch kommen die Antworten oft so prompt und schlüssig, dass man versucht ist, alles aber auch alles zu glauben und viel zu wenig zu hinterfragen. 

Florian Höhne und weitere Ethiker warnen Predigerinnen und Prediger davor, sich allzu sehr auf KI-produzierte Vorlagen beim Abfassen ihrer Texte zu verlassen, wohl deshalb, weil sie zwar intelligent, aber letztlich nicht in die Tiefe des Glaubens eindringen. Persönliche Erfahrungen sind eben nicht zu toppen. Umso wichtiger ist jetzt für die Kirchen, eine neue Begeisterung für Gottesdienste und für Seelsorge zu entwickeln. 

Gibt es doch noch eine ganze Reihe von Aspekten, bei denen die Künstliche Intelligenz nicht mithalten kann. In der Musik etwa, beim Gesang, in der ganzen Körperlichkeit. Sagen wir es doch so: Was wir brauchen, ist ein sich stets erneuernder Spirit, der einst auch die verzagten Apostel in Jerusalem, 50 Tage nach dem Kreuzestod Jesu, erweckt und gestärkt hat.