„Lebensveränderndes Ereignis“

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Linda Mae Nummert und Klára Cselovszky. Foto: privat
Linda Mae Nummert und Klára Cselovszky. Foto: privat

Zwei junge Stipendiatinnen beim Gustav-Adolf-Werk – im Jubiläumsjahr der Frauenarbeit

Es ist für sie ein „lebensveränderndes Ereignis“! Darin sind sich Linda Mae Nummert und Klára Cselovszky einig. Die beiden Studentinnen aus Estland und aus Ungarn wohnen seit einigen Monaten zusammen – obwohl sich ihre Wege in ihrer Heimat wohl nie gekreuzt hätten. Leipzig ist für beide zu einem Ort geworden, an dem neue Perspektiven wachsen. Das Gustav-Adolf-Werk bietet ihnen ein Stipendium in Deutschland an. Im Zoom-Gespräch mit dem Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern erzählten sie von ihren Erfahrungen.

„Wie wir die Welt anschauen“, das habe sich grundlegend geändert. So empfand es Klára Cselovszky. Linda Mae Nummert nickt: Solch eine Möglichkeit wahrzunehmen, das könne sie jedem Studierenden nur empfehlen. Zusammen mit fünf weiteren Menschen aus der Ökumene leben sie mehrere Monate in der Leipziger GAW-Zentrale zusammen. 

Für beide Studentinnen wird damit Geschichte direkt lebendig. Denn in diesem Jahr feiert die Frauenarbeit des Gustav-Adolf-Werks ihr 175-jähriges Bestehen – als älteste evangelische deutsche Frauenarbeit.

Lernen in der Diaspora

Linda Mae Nummert ist in der estnischen Hauptstadt Tallinn geboren. Sie studiert Religionswissenschaft in der südestnischen Uni-Stadt Tartu, kaum 60 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Ihr Ziel ist es, nach dem Master-Studium weiter wissenschaftlich zu arbeiten. Dabei interessiert sie besonders die Frage, wie Religion in unterschiedlichen Gesellschaften wirkt – in verschiedenen Ländern, Konfessionen und politischen Kontexten.

Deutschland ist für sie ein spannendes Lernfeld. Besonders beeindruckt sie das soziale Engagement der Kirchen: Etwa die Hilfe für Geflüchtete, Unterstützung für sozial Benachteiligte, die Arbeit der Bahnhofsmission. „Das soziale Engagement der Kirche in Estland ist bisher eher zurückhaltend“, sagt sie.

In Estland kämpften viele Gemeinden bereits darum, ihre Gotteshäuser überhaupt zu erhalten. „Die historischen Kirchengebäude erfordern Pflege und sind im Winter schwer zu beheizen.“ Weniger als 30 Prozent der 1,4 Millionen Esten gehören noch einer Kirche an – darunter fast die Hälfte evangelisch-lutherisch.

Frauen in Verantwortung

Auch Klára Cselovszky kennt diese Situation. Die Theologiestudentin aus Budapest gehört zur evangelisch-lutherischen Minderheitskirche in Ungarn. Rund 176.000 Mitglieder zählt sie, knapp zwei Prozent der Bevölkerung. Die meisten religiös gebundenen Menschen sind katholisch oder reformiert – viele gehören gar keiner Kirche an. „Im Grunde  ähnlich wie in Deutschland“, sagt Klára. 

Klára Cselovszky ist in einer Familie aufgewachsen, in der Kirche und der Blick nach außen zum Alltag gehören. Ihre Mutter Dr. Klára Tarr Cselovszky ist Abteilungsleiterin für Ökumene und Außenbeziehungen im Budapester Landeskirchenamt. Theologin ist die Kirchendiplomatin nicht – und doch prägt ihr Engagement die Perspektive der Tochter. 

Frauen können in Ungarn wie in Deutschland längst Pfarrerinnen werden. Unter den jüngeren Seelsorgenden gäbe es bereits mehr Frauen als Männer, hat Klára Cselovszky beobachtet. Es gab in ihrer Kirche bereits eine Präsidentin der Landessynode, und eine Pfarrerin kandidierte – leider vergeblich – für das Bischofsamt. Doch ist Klára zuversichtlich, dass auch in den Kreis der Spitzenführung mehr Frauen gelangen werden. 

Dass Frauen heute Theologie studieren, Gemeinden leiten, predigen und internationale Projekte gestalten, ist keine Selbstverständlichkeit. Gerade daran erinnert das Gustav-Adolf-Werk in diesem Jahr – Linda Mae Nummert und Klára Cselovszky erleben diese internationale Frauenarbeit hautnah. Sie waren bei Veranstaltungen zum Weltgebetstag der Frauen in Leipzig mit dabei. Neben ihrem Studium engagieren sich in Leipziger Gemeinden, besuchen Hauskreise und gehen zu Konzerten – meist in Kirchen.

Ebenso feierten sie Ostern in Leipzig – fern der Heimat, aber mitten in einer weltweiten Gemeinschaft. Die Erfahrung, Teil eines globalen Netzes von Frauen und Kirchen zu sein, die sich gegenseitig Mut machen, bietet auch ihnen weitere Perspektiven. Gerade zum Jubiläum der Frauenarbeit zeigen diese beiden jungen Frauen, wie diese Geschichte auch die Gegenwart prägt.

Mehr Infos zum Jubiläum der Frauenarbeit des Gustav-Adolf-Werkes online unter https://www.gustav-adolf-werk.de/jubilaeum-gaw-frauenarbeit.html