Intensive Ausstellung im Diakoniemuseum zu „Diakonie und Nationalsozialismus in Bayern“
„Eiskalt sind die!“ Selbst in diesen drei Worten hallt noch das Entsetzen nach. So beschreibt Marie Nicol 1941 in ihrem Tagebuch den Besuch einer Kommission der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen im Diakoniedorf Rummelsberg. Als Ehefrau des damaligen Rummelsberger Rektors Karl Nicol erlebte sie das Ringen um die Überstellung von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen in „Euthanasie“-Einrichtungen hautnah mit.
Es war oft ein stiller und einsamer Widerstand: Auch engagierte Christen wie der Rummelsberger Brüderpfarrer Wilhelm Strohm glaubten, mit Hitlers Machtergreifung sei „das Reich Gottes aufgebrochen“.
Karl Nicol entschied damals, dass die Rummelsberger die Kosten für die Versorgung von gefährdeten Schützlingen selbst tragen konnten. Es gab damals kaum Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen vor Ort – anders als etwa in Neuendettelsau. So gerieten nur einzelne Hilfsbedürftige aus Rummelsberg in das Mahlwerk des Schreckens: etwa Alfred Völkel, der als uneheliches Kind mit einem jüdischen Vater in die Tötungsanstalt Hadamar deportiert werden sollte.
In der aktuellen Ausstellung im Diakoniemuseum Rummelsberg setzt sich die bayerische Diakonie mit ihrer Rolle im Nationalsozialismus auseinander. Sie „konfrontiert uns mit einer schmerzhaften Wahrheit: In Kirche und Diakonie war die Begeisterung für das NS-Regime anfänglich enorm“, meint Dr. Thomas Greif. Der Historiker und Leiter des Diakoniemuseums hat das Projekt gemeinsam mit der Trierer Sozialhistorikerin Dr. Ulrike Winkler kuratiert. Diese Nähe zum Unrechtsstaat sieht Greif nicht als Zufall. Viele bayerischen Protestanten lehnten die Weimarer Republik ab. Zu tief saß die lutherische Tradition des Gehorsams gegenüber der Obrigkeit. Autoritäts- und Ordnungsdenken lagen vielen Gläubigen näher als demokratische Debatten und politische Aushandlungsprozesse.
Als Hitler 1933 an die Macht kam, schlossen sich viele kirchliche Verantwortungsträger der Aufbruchsstimmung an, die sie zu spüren meinten. Auch die Innere Mission als Vorläufer der Diakonie, zeigte sich oft früh loyal gegenüber dem neuen Denken.
Zähes Ringen im Alltag
Die Nazis wollten nicht nur die evangelische Kirche gleichschalten, sondern auch die Arbeit der Inneren Mission zurückdrängen und durch eigene Strukturen ersetzen. Die „Fürsorge für Wanderarbeiter und Obdachlose“ wurde bald verstaatlicht – mit spürbaren Folgen für die Betroffenen. Kindergärten und Erziehungseinrichtungen gerieten ebenfalls ins Visier. Vielerorts kam es zu einem zermürbenden Ringen um Zuständigkeiten.
Wie konkret dieser Druck werden konnte, zeigte sich etwa in Wassertrüdingen: Dort versuchte ein NS-Kreisleiter, den örtlichen Diakonieverein aufzulösen und dessen Vermögen zu übernehmen. Trotz massiven Drucks widersetzten sich viele Mitglieder – ein Beispiel dafür, wie sich Menschen für den Wert kirchlicher Arbeit entschieden.
Nach Kriegsbeginn 1939 wuchs der Druck auf die Einrichtungen weiter. Immer mehr Gebäude wurden beschlagnahmt, um den Platzmangel infolge der Zerstörungen auszugleichen. Manche Einrichtungen setzten Zwangsarbeiter ein.
Am schwersten wiege die Beteiligung der Inneren Mission an der NS-Rassenpolitik. Antisemitische Maßnahmen und die Auslese angeblich minderwertiger Menschen wurden allzu oft zumindest hingenommen. Verantwortlichen gelang es nicht, rechtzeitig und klar gegenzusteuern – auch nicht bei der Verletzung grundlegender christlicher Prinzipien, so Greif.
1941 hielten die „grauen Busse“, die behinderte Menschen einsammelten, auch vor Heimen der Inneren Mission. Über 1.200 Menschen aus den fünf Pflegeanstalten der Neuendettelsauer Diakonissen wurden in Staatliche Anstalten deportiert, ungefähr 400 von ihnen in die Tötungsanstalt Hartheim. Rechnet man die rund 430 Opfer des Staatlichen Zentralwanderhofes Herzogsägmühle dazu, kommt man auf über 1.500 Opfer aus dem Umfeld der Inneren Mission in Bayern.
Wenn überhaupt, blieb es bei innerer Distanz und der Verzögerung von Entscheidungsabläufen – klaren oder sogar vernetzten Widerstand muss man mit der Lupe suchen. 1941, als die „Euthanasie-Programme“ anliefen, schien es dafür zu spät zu sein, ergänzt Greif.
Und dennoch: Im westfälischen Bethel verhinderte Friedrich von Bodelschwingh d. J. weitgehend das Ausfüllen der NS-Erfassungsbögen im Vorfeld der „Euthanasie“. Durch seine umfangreiche Korrespondenz und persönliche Kontakte taktierte er geschickt, um Zeit zu gewinnen. Gegen Zwangs-Sterilisationen hatte er jedoch weniger Einwände.
Bernhard von Galen, dem katholischen Bischof vom Münster gelang es durch mutige Predigten gegen die „Euthanasie“, sie in ihrer öffentlichen und systematischen Form zu stoppen. Er blieb unbehelligt. Doch wer seine Predigten weitergab, wurde belangt. Dietrich Bonhoeffer betonte zu der Zeit in seiner „Ethik“, dass das Leben ein Geschenk Gottes sei und der Staat niemals berechtigt ist, es zu vernichten. Dies erschien posthum 1949.
Menschen im Fokus
Grundlage der Rummelsberger Schau ist ein wissenschaftlicher Begleitband, in dem die Ergebnisse jahrelanger Arbeit von 23 Forschenden gebündelt sind. Unterstützt wurde das Projekt vom Diakonischen Werk Bayern und der bayerischen evangelischen Landeskirche. Aktuelle Formate wie Graphic Novels oder eine KI-generierte Audiostation, an der Besucher mit Rektor Nicol ins „Gespräch“ treten können, sollen gerade jüngere Menschen niedrigschwellig ansprechen.
Im Mittelpunkt der Schau stehen Menschen, die „in Verbindung zu Einrichtungen der Inneren Mission standen und in die tödliche Maschinerie der NS-Rassenpolitik gerieten“: Verantwortliche der Fürsorge hatten dem Druck der NS-Obrigkeit unterschiedlich viel entgegenzusetzen.
Auch die Opfer will die Ausstellung mit zwölf exemplarischen Biographien dem Vergessen entreißen. So auch Alfred Völkel: Er überlebte, da sich sein Vormund für ihn einsetzte – ein Beispiel dafür, dass auch solcher Mut gegen die Kälte der Unmenschen erfolgreich sein konnte.
Die Schau zeigt somit berührend, wie schwierig es ist, in einem totalitären System christliche Werte zu bewahren. Und wie wichtig es ist, daraus zu lernen. Wann ist es zu spät? „Die Geschichte der Diakonie im Nationalsozialismus ist kein abgeschlossenes Thema“, so Greif abschließend. „Sie mahnt uns, wachsam zu bleiben gegenüber Ideologien, die Menschenwürde infrage stellen.“
Nach der Eröffnung am 24. April mit Landesbischof Christian Kopp ist die Schau bis Ende 2028 donnerstags und sonntags 14–17 Uhr sowie nach Vereinbarung (auch mit Führung) geöffnet: Dies online unter https://www.diakoniemuseum.de, via E-Mail info@diakoniemuseum.de oder per Tel. 09128/50-2274.



























