Herbstliche Hoffnung

56
Inge Wollschläger Editorial Hintergrundbild Kraus

Editorial von Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Die Tage werden kürzer. Die Bäume leuchten noch einmal in schönsten Farbe, während der Wind kräftig an ihren Ästen rüttelt. Der Herbst zeigt sich zwischendurch noch einmal von seiner schönsten Seite. Und kündigt gleichzeitig den Abschied an.

Ich mag den Herbst. Seine Farben, sein besonderes Licht und diese etwas melancholische Stimmung. Und ich bewundere die Bäume, die ihre Blätter einfach loslassen. Ohne großes Aufheben. Was eben noch grün war, fällt zu Boden. Der Baum steht irgendwann kahl da. Und wartet.

So einfach ist das mit dem Loslassen bei uns Menschen allerdings nicht. Denn was wir loslassen müssen, war uns vielleicht einmal lieb und teuer. Es hat uns begleitet, Halt gegeben, war ein Stück Heimat. Und manchmal tut es schlichtweg weh, wenn etwas zu Ende geht. Manchmal möchte man eben keinen neuen Anfang. Sondern einfach, dass das Vertraute bleibt.

Auch unsere evangelische Kirche erlebt gerade einen solchen Herbst. Die Mitgliederzahlen sinken, finanzielle und personelle Möglichkeiten werden kleiner. Neue Regionalgemeinden sollen entstehen, vertraute Strukturen verändern sich. Was in Konzeptpapieren nach vernünftiger Neuordnung klingt, bedeutet für viele Menschen den Abschied von einem Stück Heimat. Von ihrer Gemeinde, in der sie über Jahrzehnte gelebt, geglaubt und mit angepackt haben.

Dieser Wandel darf auch traurig machen. Nicht jede Veränderung muss begeistert begrüßt werden. Trauer ist auch ein Zeichen dafür, wie viel uns etwas bedeutet hat. Und sie braucht ihren Platz, bevor wir schon wieder voller Zuversicht nach vorne schauen sollen.

Im Buch Prediger heißt es: „Ein jegliches hat seine Zeit.“ Auch das Abschiednehmen. Und vielleicht liegt darin eine Chance. Wenn das Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich ist, müssen wir neu fragen: Was macht Kirche eigentlich aus? Was brauchen Menschen wirklich? Was wollen wir bewahren, und was dürfen wir loslassen? Vielleicht entsteht daraus eine Kirche, die kleiner ist, aber bewusster. Die genauer hinschaut, wo sie gebraucht wird. Vielleicht sogar eine, die wahrhaftiger lebt, was sie verkündet.

Das ist keine Garantie. Aber eine Hoffnung.

Denn die Bäume verlieren im Herbst ihre Blätter. Nicht ihre Wurzeln.