Zwischen Bass und Lagerfeuer

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Mitten im Festival: Pfarrerin Meike Müller-Stach spricht vor der „Open Church“ mit einem Festivalbesucher. Die kleine Holzkirche ist Anlaufstelle für Seelsorge, Begegnung und kurze Auszeiten. Foto: Privat
Mitten im Festival: Pfarrerin Meike Müller-Stach spricht vor der „Open Church“ mit einem Festivalbesucher. Die kleine Holzkirche ist Anlaufstelle für Seelsorge, Begegnung und kurze Auszeiten. Foto: Privat

Wenn Kirche dorthin geht, wo Menschen sind

„Wir warten nicht darauf, dass Menschen zu uns kommen. Wir gehen dorthin, wo Menschen sind.“

Dieser Satz beschreibt ziemlich genau, warum Pfarrerin Meike Müller-Stach einige Sommernächte nicht in Würzburg verbringt, sondern auf einem Elektrofestival nahe Puschendorf. Zwischen Musikbühnen, Zeltplatz und Riesenrad steht dort eine kleine Holzkirche. Mit drei Kirchenbänken, einer Fotobox, einer Handy-
Ladestation und einem Lagerfeuer davor. Ein Ort, an dem mitten im Festivaltrubel erstaunlich oft die leiseren Töne zu hören sind.

Seit drei Jahren gehört die Pfarrerin aus St. Stephan und der Gnadenkirche zum Team der Open Church beim Open Beatz Festival, das jedes Jahr Ende Juli mehrere Tage lang tausende Besucher nach Mittelfranken zieht. Rund 35 Ehrenamtliche sorgen gemeinsam mit einigen Pfarrerinnen, Pfarrern und Diakoninnen dafür, dass rund um die Uhr jemand da ist – zum Zuhören, zum Segnen oder einfach für ein Gespräch.

„Wir glauben gar nicht, dass wir Gott erst aufs Festival bringen müssen“, sagt Müller-Stach. „Wir vertrauen darauf, dass er längst da ist. Wir machen nur sichtbar, dass Kirche ebenfalls da ist.“ Die Ehrenamtlichen sind rund um die Uhr ansprechbar – für Gespräche, einen Segen oder einfach eine Tasse Tee. Bei Bedarf vermitteln sie auch an den Sanitätsdienst oder andere Hilfsangebote weiter. Wie ein Gespräch verläuft, entscheiden die Besucherinnen und Besucher selbst.

Manche kommen, weil ihr Handy keinen Strom mehr hat. Andere brauchen eine Pause vom Trubel. Wieder andere bleiben einfach neugierig vor der kleinen Kirche stehen. Drinnen gibt es Getränke, Kerzen, eine ruhige Ecke – und Zeit. „Am Anfang reden wir oft über die Musik, die gespielt wird auf dem Festival oder darüber, welche Künstler jemand schon gesehen hat“, erzählt Müller-Stach. „Und manchmal geht das Gespräch dann plötzlich in eine ganz andere Richtung.“

So wie bei einer jungen Frau, die sich auf eine Kirchenbank setzte und wenige Augenblicke später von ihrer Krebserkrankung erzählte. Davon, wie sie ihren Kindern erklären möchte, was Auferstehung bedeutet. Und davon, dass sie selbst mit dieser Hoffnung ringt. „Wir haben vielleicht zwanzig Minuten gesprochen“, erinnert sich Müller-Stach. „Als sie gegangen ist, hat sie mir noch Glitzer ins Gesicht gemacht. Sie wollte einfach etwas von sich bei mir lassen.“

Solche Begegnungen sind es, die sie jedes Jahr wiederkommen lassen. Dabei geht es längst nicht immer um schwere Themen. In diesem Sommer stand plötzlich ein junges Paar vor ihr. „Könnt ihr uns verheiraten?“

Die beiden waren bereits standesamtlich verheiratet und wünschten sich einen Segen. Also versammelten sich Freunde und Freundinnen in der kleinen Holzkirche. Das Paar tauschte Ringe aus Gaffa-Tape, hielt sich an den Händen und ließ sich segnen. „Sie hatten sich auf einem Festival kennengelernt“, erzählt Müller-Stach. „Da habe ich mir gedacht: Warum sollte Gott sie nicht genau hier begleiten?“

Überhaupt erlebt sie immer wieder, wie selbstverständlich viele Besucher mit dem kleinen Kirchenraum umgehen. „Das ist total süß“, sagt sie und lacht. „Manche lassen draußen ihr Bier stehen, kommen herein, setzen sich auf die Kirchenbank oder zünden eine Kerze an. Wir sagen dazu gar nichts. Aber viele merken einfach: Hier ist eine Kirche.“ Die erste Frage sei trotzdem oft dieselbe. „Meint ihr das ernst? Seid ihr wirklich von der Kirche?“. Manche schauen nur kurz herein, andere bleiben stundenlang.

Besonders nachts verändert sich die Stimmung. Wenn die Musik auf den Bühnen endet, zieht es viele zurück auf den Zeltplatz. Manche finden ihr Zelt nicht mehr. Andere können nach Stunden voller Musik noch nicht schlafen. Wieder andere setzen sich einfach ans Lagerfeuer. „Da wird über alles Mögliche geredet“, erzählt Müller-Stach. „Über Freundschaften, Beziehungen, den Stress zu Hause oder einfach darüber, welcher Künstler heute der beste war.“ Gerade die erste Festivalnacht hat ihren ganz eigenen Charakter. „Es passiert jedes Jahr, dass Menschen ihr Zelt nicht mehr finden“, erzählt sie schmunzelnd. „Dann sitzen sie eben bei uns am Lagerfeuer, bis es hell wird.“

Andere kommen, weil ihnen kalt ist. Manche bleiben zehn Minuten. Manche vier Stunden. Und manche schauen am letzten Festivaltag noch einmal vorbei. „Die wollen einfach nur noch Tschüss sagen. Das finde ich immer besonders schön.“ 

Nicht alle innerhalb der Kirche können mit diesem Konzept sofort etwas anfangen. Braucht es wirklich eine Kirche auf einem Elektrofestival? Für Meike Müller-Stach hat sich diese Frage längst beantwortet. „Unsere Arbeit darf doch auch Freude machen“, sagt sie. „Und wenn Menschen nach einem Gespräch sagen: Jetzt geht es mir schon ein bisschen weniger schlecht, dann ist das für mich Grund genug, dort zu sein.“

Die Erfahrungen vom Festival nimmt sie längst mit in ihren Gemeindealltag. Bei Stadtteilfesten verteilt sie Segens-Tattoos oder malt mit biologisch abbaubarem Glitzer kleine Kreuze auf Hände oder Stirn.

„Segen muss nicht kompliziert sein“, sagt sie. „Er darf leicht sein.“

Vor allem aber hat sie etwas anderes gelernt. „Ich wünsche mir manchmal, dass wir als Kirche mutiger werden“, sagt sie. „Dass wir nicht nur darauf warten, dass Menschen zu uns kommen, sondern öfter überlegen: Wo sind die Menschen eigentlich? Und wie können wir dort für sie da sein? Wir bauen oft unsere kleinen Burgen – unsere Gemeinde, unseren Kirchturm, unsere Leute. Aber vielleicht sollten wir öfter fragen: Wo sind die Menschen eigentlich? Und was brauchen sie?“.

Wenn morgens gegen sieben Uhr die nächste Schicht übernimmt, gehört ein kleines Ritual dazu. Erst geht das Team gemeinsam in die Fotobox. Das Gruppenbild kommt später an eine große Pinnwand, auf der sich die Erinnerungen des ganzen Festivals sammeln. Dann endet die Nachtschicht.

Die ersten Besucher laufen mit einem Kaffeebecher über den Zeltplatz. Manche winken der kleinen Holzkirche im Vorbeigehen noch einmal zu. Andere kommen kurz herein, sagen Danke oder einfach Tschüss.

Für Meike Müller-Stach sind genau das die Momente, die bleiben. Nicht die großen Gesten. Sondern die vielen kleinen Begegnungen. „Wenn Menschen Kirche am Ende einfach mit dem Gefühl verbinden: Da hat mir jemand ehrlich zugehört und sich für mich interessiert – dann ist das doch etwas richtig Gutes.“