„Eigentlich bin ich ganz anders“

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern: Wandel ist möglich

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. 

Epheser 4,22–25.32 

In der Sitzung eines Kirchenvorstandes nimmt die Diskussion an Fahrt auf. Der Tagesordnungspunkt stellt eine Herausforderung dar. Mit einem einfachen Ja oder Nein ist das Thema nicht abgetan. Ratlosigkeit macht sich im Raum breit. Und dann tönt es von einem Mitglied im Brustton der Überzeugung: „Man müsste …” 

Ich erlebe das öfters. Und je länger die Sitzungen dauern, desto mehr müsste man eigentlich. Mit „man” kann man sich schnell darüber einig sein, dass etwas passieren müsste, und trotzdem geschieht am Ende nichts. „Man“ kann vieles tun – und bleibt doch erstaunlich oft untätig. 

Natürlich ist nicht jeder Satz mit „man müsste“ ein Ausweichen. Manchmal ist er einfach der erste Schritt zu einer guten Idee. Aber häufig spürt man schon während des Gesprächs: Hier wird schlichtweg Verantwortung weitergereicht. 

Alle sehen das Problem. Alle haben gute Argumente. Alle sind sich einig. Und am Ende gehen alle nach Hause. Keiner übernimmt die Verantwortung. Aber alle haben sich wortreich eingebracht. 

In dem Zusammenhang begegnet mir auch: „Eigentlich sollten wir …“ Ein Spruch, hinter dem sich ein großes „Aber“ versteckt. „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“ Dieser Satz wird meist dem Schriftsteller Ödön von Horváth zugeschrieben. Ein Satz mit einem kleinen Schmunzeln und zugleich mit einer erstaunlichen Wahrheit. 

Wir haben eine Vorstellung davon, wie wir eigentlich sein möchten: geduldig, freundlich, gelassen, großzügig. Einer, der zuhört, bevor er urteilt. Einer, der nicht gleich laut wird, der dem anderen seine Fehler nicht nachträgt. Einer, der Zeit hat für Menschen, die ihn brauchen. 

Und dann kommt der Alltag. Der Realitätscheck. Ein langer Tag. Eine Nachricht, die mich ärgert. Jemand, der mich nicht versteht. Eine Bemerkung, die genau den wunden Punkt trifft. Ein alter Konflikt, der plötzlich wieder da ist. Und schon bin ich wieder bei dem Menschen, der ich eigentlich nicht sein wollte. 

Der Epheserbrief erinnert uns daran, dass christlicher Glaube dort beginnt, wo ein Mensch sich von Gott erneuern lässt und immer wieder neu anfängt. Mit dem Reden und dem Tun, dem Verzeihen, der Geduld, der Wahrheit und der Liebe: „Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

Dekan Peter Bertram, Traunstein 

Gebet: All Morgen ist ganz frisch und neu / des Herren Gnad und große Treu; 

sie hat kein End den langen Tag, / drauf jeder sich verlassen mag.